Mit 007 First Light liefert IO Interactive kein Hitman im Smoking, sondern ein überraschend abwechslungsreiches Action-Adventure rund um einen jungen James Bond. Genau das macht den neuen Bond für mich so stark.
Ich bin ehrlich: Bei 007 First Light war ich vor dem Start skeptisch. Nicht, weil ich IO Interactive nichts zutraue. Ganz im Gegenteil. Das Studio hat mit Hitman bewiesen, wie gut es sich mit Agentenfantasien, eleganten Schauplätzen, verdecktem Vorgehen und improvisierten Momenten auskennt. Aber genau darin lag für mich auch die Sorge: Wird 007 First Light am Ende einfach nur Hitman mit James Bond?
Nach dem Durchspielen kann ich sagen: Nein. Zum Glück nicht.
007 First Light ist viel mehr ein cineastisches Action-Adventure als ein klassisches Schleichspiel. Es gibt Stealth, es gibt Ablenkungen, es gibt Gadgets, größere Areale und Situationen, in denen ihr euch elegant an Gegnern vorbeimogeln könnt. Aber das Spiel zwingt euch nicht ständig in diese Rolle. Sehr oft darf Bond auch genau das tun, was Bond eben tut: improvisieren, kämpfen, schießen, fliehen, verfolgen, bluffen und sich mit Stil aus Situationen retten, die längst eskaliert sind.

Und genau dadurch fühlt sich 007 First Light für mich so angenehm anders an. Es ist kein langsames Geduldsspiel, sondern ein interaktiver James-Bond-Film mit hervorragendem Pacing, toller Inszenierung, starken Figuren und genug Abwechslung, um mich bis zum Abspann bei der Stange zu halten.
Ein junger James Bond, der noch nicht fertig ist
007 First Light erzählt keine weitere Geschichte rund um einen abgeklärten, unantastbaren Top-Agenten, der jede Situation schon im Griff hat, bevor sie überhaupt beginnt. Stattdessen erleben wir einen jungen, aufstrebenden James Bond, der zwar bereits Charisma, Mut und Talent besitzt, aber noch nicht der fertige 007 ist.
Das tut der Geschichte spürbar gut. Dieser Bond ist impulsiver, manchmal zu direkt, manchmal zu selbstsicher und nicht immer so kontrolliert, wie es seine späteren Versionen vielleicht wären. Dadurch wirkt er nahbarer. Man sieht nicht nur den Mythos, sondern auch den Weg dorthin.

Gerade weil Bond hier noch nicht komplett zur Ikone erstarrt ist, funktioniert die Origin-Story überraschend gut. Das Spiel muss nicht ständig darauf herumreiten, dass wir gerade „den Anfang einer Legende“ erleben. Es lässt die Figur wachsen, Fehler machen und sich in einer Welt beweisen, die von ihm mehr verlangt als nur einen guten Anzug und einen coolen Spruch.
Für mich war das einer der größten Pluspunkte. Der junge Bond trägt das Spiel. Er ist charmant, arrogant genug, verletzlich genug und vor allem glaubwürdig genug, um nicht wie eine bloße Kopie der Film-Bonds zu wirken.

M, Q und Moneypenny geben dem Spiel sofort Bond-Gefühl
Was 007 First Light besonders gut macht: Es versteht, dass James Bond nicht nur aus Bond selbst besteht. Die Reihe lebt auch von ihrem Umfeld. Von M. Von Q. Von Moneypenny. Von Briefings, Technik, kleinen Spitzen, gegenseitigem Misstrauen und dieser ganz bestimmten Mischung aus Eleganz, Gefahr und britischem Understatement.
Gerade dieser enge Bezug zu den Filmen hat mir richtig gut gefallen. M gibt dem Ganzen die nötige Autorität, Moneypenny bringt die klassische MI6-Dynamik mit rein, und Q ist für mich ein echtes Highlight. Seine Auftritte sorgen nicht nur für Fanservice, sondern auch für Charme und Struktur. Jedes neue Gadget fühlt sich dadurch nicht einfach wie ein Gameplay-Tool an, sondern wie ein kleines Bond-Ritual.

IO Interactive
Das Spiel versteht sehr gut, wie wichtig diese Momente sind. Wenn Q euch neue Ausrüstung erklärt, wenn Bond einen Auftrag bekommt oder wenn sich die Figuren mit trockenen Kommentaren begegnen, entsteht genau dieses Gefühl, das man von einem Bond-Abenteuer erwartet. Nicht als billige Nostalgie, sondern als moderne Interpretation.

Kein Hitman im Smoking
Natürlich merkt man 007 First Light seine Herkunft an. IO Interactive kann Schleichsysteme, elegante Infiltration und soziale Tarnung. Es gibt Momente, in denen ihr euch durch größere Areale bewegt, Gegner beobachtet, alternative Wege sucht oder mit Gadgets kleine Vorteile schafft. Manche Schauplätze erinnern durchaus an die DNA von Hitman.
Aber 007 First Light ist nicht so offen, nicht so frei und nicht so systemisch wie Hitman. Und das kann je nach Erwartung entweder enttäuschend oder genau richtig sein.
Wer gehofft hat, in jedem Level riesige Sandboxen zu bekommen, in denen man ein Ziel auf zehn verschiedene Arten ausschalten kann, dürfte möglicherweise ernüchtert sein. Oft sind die Wege relativ klar zu erkennen. Manchmal ist deutlich spürbar, wohin das Spiel euch führen möchte. Auch Schleichen ist nicht immer die beste oder überhaupt die reizvollste Lösung.
Mich hat das allerdings kaum gestört. Im Gegenteil: Ich war sogar froh darüber.
Ich hatte mit Hitman früher immer wieder meine Probleme. Nicht, weil die Spiele schlecht wären, sondern weil mir irgendwann der Spielfluss zu langsam wurde. Zu viel Beobachten, zu viel Warten, zu viel Perfektionismus. Irgendwann ließ bei mir der Spaß nach, wenn eine Mission eher zur Geduldsprobe als zum Abenteuer wurde.

007 First Light geht einen anderen Weg. Es nimmt sich die IO-Stärken, aber presst Bond nicht in ein reines Stealth-Korsett. Das Spiel lässt euch schleichen, aber es erlaubt euch auch, Bond zu sein. Und Bond ist nun mal nicht nur ein Schatten in einem Anzug.
Die große Stärke: Pacing und Abwechslung
Das Pacing ist für mich die größte positive Überraschung von 007 First Light. Das Spiel wechselt angenehm zwischen ruhigen Momenten, Infiltration, Dialogen, Nahkampf, Schusswechseln, Gadget-Einsatz und rasanten Verfolgungsjagden.
Dadurch entsteht ein Rhythmus, der deutlich näher an einem Film liegt als an einem klassischen Stealth-Spiel. Ihr habt nie zu lange das Gefühl, nur eine einzige Mechanik zu bedienen. Kaum denkt man, jetzt wird es vielleicht etwas zu ruhig, zieht das Spiel wieder an. Kaum ist ein Abschnitt eskaliert, nimmt sich die Handlung wieder Zeit für Figuren oder Atmosphäre.

Besonders gut gefallen hat mir, dass 007 First Light nicht ständig beweisen muss, wie clever es ist. Viele moderne Spiele stolpern über ihre eigenen Systeme, weil sie alles offen, komplex und maximal variabel machen wollen. IO Interactive entscheidet sich hier häufiger für Klarheit und Inszenierung. Das mag manchen zu geradlinig sein, mir hat es aber geholfen, im Abenteuer zu bleiben.
Als Fan von Action-Adventures wie Uncharted, Tomb Raider oder The Last of Us habe ich mich hier schnell zuhause gefühlt. Nicht, weil 007 First Light diese Spiele kopiert, sondern weil es ähnlich stark auf Momentum, Figuren, Schauwerte und spielbare Setpieces setzt.
Schleichen ist da, aber nicht der Mittelpunkt
Stealth spielt in 007 First Light weiterhin eine Rolle. Es gibt Abschnitte, in denen ihr Deckungen nutzt, Gegner umgeht, Kameras oder Wachen beobachtet und Gadgets einsetzt, um unauffällig voranzukommen. Auch größere Schauplätze bieten immer wieder kleine Freiheiten.
Trotzdem ist das Schleichen nicht so dominant, wie manche es vielleicht erwarten. 007 First Light ist kein Spiel, das euch ständig für jede offene Konfrontation bestraft. Wenn etwas schiefgeht, muss nicht sofort neu geladen werden. Häufig entsteht gerade daraus ein spannender Moment.
Das passt hervorragend zur Figur. Bond ist nicht Agent 47. Bond improvisiert. Bond gerät in Schwierigkeiten. Bond wird entdeckt, prügelt sich durch einen Raum, schnappt sich eine Waffe und springt im nächsten Moment in eine Verfolgungsjagd.

Für mich war genau das der richtige Ansatz. Die Schleichpassagen geben dem Spiel Struktur und Agentenflair, aber sie bremsen es nicht aus. Wer allerdings ein neues Hitman mit Bond-Lizenz erwartet, sollte seine Erwartungen anpassen.
Nahkampf und Schusswechsel machen überraschend viel Spaß
Eine der besten Entscheidungen von 007 First Light ist, dass Kämpfe nicht wie eine Notlösung wirken. Viele Spiele mit Stealth-Fokus fühlen sich sofort schlechter an, sobald die Tarnung auffliegt. Hier ist das anders.
Der Nahkampf ist wuchtig, schnell und angenehm filmisch. Bond schlägt, kontert, nutzt die Umgebung und erledigt Gegner auf eine Weise, die nie völlig übertrieben, aber immer stilvoll wirkt. Gerade in engen Räumen kommt dadurch eine schöne Dynamik auf. Man fühlt sich nicht wie ein Superheld, aber wie jemand, der gelernt hat, unter Druck effizient zu reagieren.
Auch die Schusswechsel funktionieren besser, als ich erwartet hatte. Waffen fühlen sich nicht wie endlose Munitionslieferanten an, sondern eher wie Werkzeuge, die man kurzfristig nutzt. Man nimmt, was gerade da ist, wechselt die Position, erledigt Gegner, geht wieder in Deckung und bewegt sich weiter.
Das Spiel schafft es, Kämpfe nicht nur als Unterbrechung der Infiltration zu inszenieren, sondern als festen Teil der Bond-Fantasie. Wenn eine Szene kippt und plötzlich alles explodiert, fühlt sich das nicht wie ein Fehler an. Es fühlt sich an wie der nächste Akt im Film.





