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Game of Thrones: Weshalb wir große Angst vor der 8. Staffel haben

Von Eva Lill - News vom 23.04.2019 08:56 Uhr
© HBO

Fünf Gründe, warum Staffel acht schlecht werden könnte

1. Das Erzähltempo

Ja, Game of Thrones war am Anfang einer sehr langsame Serie. Sie nahm sich Zeit, mitunter vielleicht sogar zu viel, alle Häuser, ihre Charaktere und deren Handlungen ausschweifend zu erzählen. Diese Dialogversessenheit, diese Detailverliebtheit, die war garantiert nicht jedermanns Sache. Aber sie hat diesen ganz speziellen Game of Thrones-Feel ausgemacht. Das war eben keine Fantasy mit ein paar Protagonisten, die irgendwohin wandern müssen, um irgendeine Prophezeiung zu erfüllen. Nein, das war ein Geflecht von Möglichkeiten, von Bezügen, von Schicksalen.

Mit Staffel sieben zog die Hektik nach Westeros. Sicher, in einem gewissen Maß braucht das die Serie, um nicht unendlich vor sich hin zu dümpeln, um sich zuzuspitzen und ihrem Ende entgegenzustreben. Aber Dialoge, für die sich Game of Thrones ein paar Staffeln zuvor noch zehn Minuten Zeit genommen hätte, werden nun in zwei Minuten ausgespuckt. Das wirkt nicht zugespitzt, sondern überhastet. Und dann die Sache mit dem Reisen.

Während Charaktere sich zu Beginn teilweise eine gesamte Staffel durch lebensfeindliche Umgebungen quälen, brauchten sie in Runde Sieben nur noch einen Rabenflügelschlag. Denken wir nur an die Folge „Jenseits der Mauer“, in der Gendry mal eben vom Hinterhalt der Weißen Wanderer zurück zur Mauer flitzt, besagten Turbo-Raben losschickt, der gerade noch rechtzeitig Drachenmama Dany auf den Plan ruft, um alle zu retten. Logik? Geopfert für eine straffere Erzählweise. In Staffel Sieben klatschen Handlungen aneinander, Häuser werden ausgelöscht und lang verschollene Figuren tauchten endlich wieder auf.

Aber auch diese Wiedersehen liefen alles andere als zufriedenstellend, weil sie zu rasch passierten. Während Dauer-Ruderer Gendry wenigstens ein wenig Screentime bekam, lässt uns das Treffen mit Aryas vermisstem Schattenwolf noch immer die Stirn und Falten legen. Und dass Stark-Onkel Benjen nur herangaloppiert kommt, um sich zu opfern – keine gute Lösung. Problem: Trotz dieser Stränge, die in die sieben Episoden von Staffel Sieben gequetscht wurden, ist eigentlich viel zu wenig passiert. Cercei sitzt immer noch auf dem Thron. Allianzen haben sich kaum verschoben. Dafür, dass es die vorletzte Staffel von Game of Thrones war, gab’s zu wenig Donnerwetter. Bloß am Ende flogen die Fetzen: Die Mauer fällt, ein untoter Eisdrache flattert gen Königsmund und Jamie findet den Mut, seiner schrecklichen Schwester den Rücken zu kehren. Trotzdem: Sollte Staffel Acht mit noch weniger Folgen nicht eine bessere Balance für das Tempo finden, könnte sie ganz schön enttäuschen…

2. Der Fokus

Fantasy ist spätestens seit den Verfilmungen von Tolkiens „Herr der Ringe“ und Rowlings „Harry Potter“ das Genre der Stunde. Wie Pilze sprießen Romane, und die meisten davon werden verfilmt. In diesem Überangebot ist es schwer, eine Reihe zu finden, die hervorsticht. Das war das Besondere von „Game of Thrones“. Es begeisterte uns mit einer anderen Herangehensweise an Fantasy.

Statt sich von Anfang an in epischen Schlachten zu verlieren, fremde Rassen zu etablieren oder Drachen, Elfen, Feen umherwandeln zu lassen, lag die Stärke von Martins Romanen und der Serie auf etwas anderem. Auf Intrigen. Das gab Game of Thrones mehr das Gefühl eines historischen Stoffes oder eines großen alten Dramas, etwa von Shakespeare. „Game of Thrones“ war mehr MacBeth als Wolfgang Hohlbein. Klar, die fantastischen Elemente waren von Anfang an sichtbar. Die Weißen Wanderer, Danys Drachen… und schlussendlich ist „Game of Thrones“ eben auch den Genre-Konventionen verpflichtet.

Dass es nun – anders als am Anfang – mehr um fantastische Wesen und wilde Schlachten geht und weniger um Giftmischerei, Dialoge und clever gelegte Hinterhalte, das war abzusehen. Aber auch geschuldet dem höheren Erzähltempo ist in den vergangenen Staffeln das verloren gegangen, was Game of Thrones von anderen Fantasy-Epen unterschieden hat. Nun ist es eben doch „bloß“ eine Fantasy-Serie. Eine sehr gute, klar. Nicht weniger – aber eben auch nicht länger mehr. Dazu kommt: Mit dem Tod von Littlefinger/Kleinfinger ist nun eine der interessantesten Intrigen-Figuren raus. Und auch „Lady MacBeth“ Cercei wird am Ende mit ziemlicher Sicherheit nicht clever entthront – sondern mit Gewalt.

3. Der Fan-Service

Sicher DER Streitpunkt der vergangenen Staffel: Die Liaison von Jon Snow und Dany. Für mich – und viele andere – zog damit etwas nach Westeros, auf was ich gut und gern hätte verzichten können: Fan-Service. Es ist einfach alles ein bisschen zu schön, um wahr zu sein, in einer Welt, die in den vergangen Staffeln so wunderbar hässlich daherkam. Der Bastard-Sohn und die Sklaven-Befreierin, die beiden positivsten Figuren, die beiden Auserwählten, die Weltenretter, die landen zusammen im Bett. Und wenn Fan-Theorien stimmen, könnte Jons „Sonderstellung“ sogar dazu führen, dass die beiden, trotz Danys angeblicher Unfruchtbarkeit, in Staffel acht ein Kind bekommen. Ende gut, alles gut? Wie schrecklich. Wäre da nicht dass Detail, dass Dany – wie uns die letzte Szene der vergangenen Staffel offenbart – eigentlich Jons Tante ist.

Gut, zweifelhafte Beziehungen spielten in Game of Thrones schon immer eine Rolle. Sollten die beiden nun aber dennoch ein Paar bleiben, würde es das moralische Genick der Serie brechen. Denn die Handlung ließ keinen Zweifel daran, dass die Beziehung von Cercei/Jamie zu verurteilen ist. Was macht Jon/Dany besser? Dass sie (noch) nichts von ihrer Verwandtschaft wissen? Dass sie beide etwas ganz Besonderes sind? Bitte nicht, liebe Serienmacher. Und auch, dass Cercei ein weiteres Kind erwartet, klingt doch sehr nach „GZSZ“ und nicht nach spannendem Plot-Twist. Sollte es mehr solcher Momente in Staffel acht geben, könnte Game of Thrones zur Soap verkommen.

4. Das Erwartbare

Findige Fans haben die Beziehung von Jon und Dany bereits vor einigen Staffeln vorausgeahnt. Ebenso die Sache mit dem untoten Drachen. Oder Cerceis erneute Schwangerschaft. Ein Reiz von Game of Thrones war immer das Unkalkulierbare und seine Unbarmherzigkeit. Wer hätte am Anfang der Serie daran geglaubt, dass Stark-Papa Ned nicht mal die erste Staffel überlebt? Bekanntestes Beispiel für den „Oh-Mein-Gott-Sie-Haben-Nicht-Effekt“ ist die als „Red Wedding“ bekanntgewordene vorletzte Folge der dritten Staffel. Auch gruselig-genial: die platzenden Augen von Fan-Liebling Oberyn. Oder, oder, oder. Es ist kein Zufall, dass sich die meisten Spekulations-Artikel im Netz in Bezug auf „Game of Thrones“ damit beschäftigen, welche Figur als nächstes sterben könnte. Denn – ähnlich übrigens wie das ebenfalls unfassbar erfolgreiche „The Walking Dead“, hat „Game of Thrones“ etwas etabliert, was die wenigsten Publikums-Hits bis zu diesem Punkt gewagt haben: Die Lust an der Angst vor dem Tod kultivieren.

Fans fürchteten sich vor der nächsten Episode, weil sie eben nicht vorausahnen konnten, welche Figur es schaffen würde und welche nicht. Sie verbrachten jede Minute in angestrengter, aber lustvoller Furcht vor dem Fernseher. Die Spannung von Game of Thrones war nicht die, wer mit wem zusammenkam, oder die, ob sich die eigene Theorie erfüllt. Nein. Es war: Wie schafft es die Serie zu verhindern, dass genau das passiert, was ich denke, was passieren wird? Staffel Sieben ändert das. Nicht nur, dass sich bestimmte Prophezeiungen von Fans als goldrichtig erwiesen, sie wurden auch noch als großer Kniff verkauft. Wie eben, dass Jon eigentlich ein Targaryen ist, dass Sansas Cleverness Littlefinger den Tod bringt, dass Arya Walder Frey ermordet und und und. Mit all diesem war zu rechnen. Dass es genauso gekommen ist: enttäuschend. Ein weiterer Punkt: Manche Figuren überlebten Situationen, die sie in früheren Staffel nicht überlebt hätten.

Ob das nun daran liegt, dass es keine direkte Romanvorlage mehr gibt und die Showrunner sanfter mit ihren Helden umgehen als Martin selbst – wie auch immer: Diese plötzliche Sicherheit führt zu Spannungsverlust. Zwei Beispiele: Alle „wichtigen“ Figuren kehren von ihrem Ausflug von jenseits der Mauer zurück: Jon, der Hund, Gendry – ja, sogar Tormund. Und „Lord Friendzone“ Jorah. Beides eigentlich entbehrliche Figuren. Und sowohl Jamie als auch Bronn überleben die Schlacht gegen Danys Drachen. Gerade bei Bronn ein kleines Wunder. Denn als Fan-Liebling ohne erkennbare Funktion wäre er eigentlich prädestiniert für einen ultra-grauenvollen Tod.

Game of Thrones ist in Staffel Sieben ziemlich vorhersehbar geworden und dadurch ein gutes Stück langweiliger. Eine Entwicklung, von der zu hoffen ist, dass sie ab April nicht weitergehen wird.

5. Die Torschlusspanik

Nur noch sechs Folgen. Sechs. Für so unendlich viele angefangene und nicht zu Ende gewobene Handlungsfäden. Wie soll das funktionieren? Game of Thrones müsste, um alle Fragen zumindest einigermaßen zufriedenstellend zu beantworten, quasi im Minutentakt Spektakuläres und Erklärendes enthüllen. Welchen Plan verfolgen die Weißen Wanderer? Sind sie wirklich böse? Wer ist der Lichtbringer? Welche Funktion erfüllt der Dreiäuige Rabe? Und was ist eigentlich mit Varys, Melisandre, Tormund, Sam, Jorah, Bronn, Davos, dem Hund und all den anderen Figuren, die nicht Stark oder Targaryen mit Nachname heißen oder auf dem Eisernen Thron sitzen? Ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen. Aber schon Staffel sieben hat es nicht geschafft, Wege gekonnt zusammenzuführen, sich dafür Zeit zunehmen und zu dabei überraschen. Es sind nur noch sechs Folgen. Ich habe Angst.

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