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Spielekultur: Entwickler denkt, Frauen seien aus biologischen Gründen weniger interessiert an Spielen und Technik

Von Wladislav Sidorov - News vom 18.12.2017 23:41 Uhr

Der durch The Witness und Braid bekannt gewordene Indie-Entwickler Jonathan Blow ist der Ansicht, dass Frauen aus biologischen Gründen weniger an Videospielen und Technik interessiert sind. Die Dominanz von Männern in diesen Berufsfeldern ist jedoch nicht ganz so einfach zu erklären.

Mit mehreren Tweets sorgte Jonathan Blow, Schöpfer von Spielen wie Braid und The Witness, für Aufregung. Auf Twitter gab der Indie-Entwickler preis, dass er der Ansicht sei, biologische Gründe seien für das mangelnde Interesse von Frauen an Technik und Videospielen verantwortlich.

Grundsätzlich ist es wahr: Studien zeigen, Frauen und Männer haben unterschiedliche Interessen. Während weibliche Personen mehr an Arbeit mit Menschen interessiert sind, fasziniert Männer vor allem der Umgang mit Maschinen und körperlich herausfordernden Berufen. Biologische Gründe sind jedoch nicht erwiesen.

Kritiker sind die Unterdrücker der Redefreiheit

Blow zufolge sei die Natur des Menschen im großen Maße dafür verantwortlich, dass die Interessensbildung derart unterschiedlich verlaufe. Diese Meinung sei seinen Äußerungen nach außerdem nicht kontrovers – außer im vom linken politischen Spektrum dominierten Twitter.

In weiteren Tweets nannte Blow Personen, die ihn für seine Ansicht kritisierten, Unterdrücker der Redefreiheit. Dies habe bei ihm dafür gesorgt, dass er das Interesse an progressiver Politik verloren habe. Er sehe sich somit eher dem konservativen Spektrum zugeordnet.

Biologie ist nicht alles, Soziales schon

Biologie spielt allerdings nur eine untergeordnete Rolle: In mehreren Studien wird vor allem das soziale Umfeld und der Einfluss der Gesellschaft als Grund für die Interessensbildung einzelner Personen genannt. Dabei können sowohl kleinere Faktoren — beispielsweise der Charakter einer Lehrperson im entsprechenden Schulfach — als auch größere — wie die generelle Sicht der Gesellschaft auf die Ausübung einer Profession durch die Person eines bestimmten Geschlechts — eine Rolle spielen.

Es gibt kaum Studien, die den Einfluss von biologischen Ursachen auf die generelle Interessensbildung bestätigen wollen. In vielen Ländern studieren sogar mehr Frauen MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) als Männer. In der Golf-Region haben Frauen einen Anteil von 60 Prozent in diesen Fächern, verglichen mit rund 30 Prozent in den USA und Europa. In Japan sind viele Programmierer ebenfalls weiblich – obwohl die Akzeptanz des Daseins als Hausfrau dort noch immer tief in der Gesellschaft verwurzelt ist.

Konservatismus in der Tradition

Die Interessensbildung wird überwiegend mit sozialen Ursachen begründet. Aktuell werden Frauen weiterhin als Außenseiter angesehen, wenn sie sich mehr für technische als soziale Berufe interessieren. Dies beginnt bereits in weiterführenden Schulen, wo Frauen für ihre Teilnahme am Informatik-Unterricht als merkwürdig bezeichnet werden. Der Schneeballeffekt durch den permanenten gesellschaftlichen Druck sorgt letztendlich dafür, dass sich Frauen bei der Ausübung entsprechender Berufe unerwünscht fühlen. Der möglicherweise auch ungewollt entstehende Sexismus führt zu einem Normeffekt, dem sich die einzelnen Geschlechter beugen. Männer hin zur Technik, Frauen hin zu Sozialem.

Die Schuld für die aktuelle Situation ist allerdings nicht nur auf Männer zurückzuführen, auch Frauen neigen zu einer traditionellen Ansicht der Geschlechterrollen. Bereits bei der Erziehung von Kindern werden Jungen und Mädchen unterschiedlich behandelt – obwohl dies gar nicht der Fall sein müsste. Einige norwegische Professoren halten dies für falsch und sehen beispielsweise keinen Unterschied zwischen dem weiblichen und dem männlichen Gehirn. Der Konservatismus ist verankert – diverse Studien zeigen sogar, dass Frauen traditioneller denken, je mehr sie gleichberechtigt behandelt werden.

Männer sind einer schwedischen Studie zufolge begabter im Umgang mit numerischen Aufgaben, Frauen in verbalen und kommunikativen Herausforderungen. Gemischt mit der gesellschaftlichen Erwartungshandlung kann dies zur zwischen den Geschlechtern unterschiedlichen Berufswahl führen. Generell wird gesagt, dass Frauen deshalb die sozialeren Menschen sind. Ob sich das aber tatsächlich auf die Berufswahl auswirkt, ist nicht vollständig geklärt und kann deshalb auch nicht pauschal und zweifelsfrei behauptet werden.

Männliche Suppression mit sexistischen Sprüchen

Fakt ist jedoch: Im zwanzigsten Jahrhundert waren es vor allem Frauen, die die Entwicklung von Computern und ihrer Programmierung aus innovationstechnischer Sicht anführten. Bis zu 50 Prozent aller Programmierer waren Frauen, in den USA wurde dies als „natürliche Kariere“ angesehen.

Über die Jahre wurde dieser Zweig immer mehr von Männern besetzt, gesellschaftlich wurden Frauen im Berufsfeld als Außenseiter betrachtet. Grund dafür waren auch von der männlich dominierten Chefetage einzelner Unternehmen initiierte Werbekampagnen, die Frauen in der Programmierung als Geldverschwendung bezeichneten. Ein berühmter Slogan lautete:

„Was hat sechszehn Beine, acht wackelnde Zungen und kostet euch 40.000 Dollar pro Jahr? 8 weibliche Programmierer“

Männliche Chefs bevorzugen bei der Kandidatenwahl andere Männer, Frauen werden geduldet. Dieser Umstand führte irgendwann zur Forderung einer Frauenquote im Personal, in der Leitung, in den Aufsichtsräten und im Vorstand.

Der männliche Computernerd

Der Durchbruch von Steve Jobs und Bill Gates führte in den 80er Jahren verstärkt zum Stereotyp des männlichen Computernerds. Trotz der Tatsache, dass die Technik, die den beiden Gründern von Apple und Microsoft ihren Erfolg ermöglichte, von Frauen erstellt wurde. Männer galten als technische Genies, Frauen als ahnungslos. Und das, obwohl Frauen genau so viel Interesse an Videospielen und Technik zeigten, wie Männer. Selbst heute sind knapp 50 Prozent aller Spieler Frauen, auch wenn diese inzwischen mehr an Games für Smartphones interessiert sind. Von vielen männlichen Mitspielern werden Frauen als „Gamergirl“ dennoch belächelt, ihre Fähigkeiten als unzureichend betrachtet.

Diese Entwicklung führte bis 2011 dazu, dass nur noch 17 Prozent aller Programmierer weiblich sind. Das Phänomen ist nicht neu: Auch die Produktion von Filmen und Serien war Anfang der 20er Jahre von Frauen dominiert, bis Männer sich dem Berufsfeld aneigneten und Frauen zurückdrängten. Heute werden Frauen in der Filmproduktion vor allem als Kostüm- und Maskenbilder angesehen, etablierte Begriffe wie „Kameramänner“ spiegeln die gesellschaftliche Sicht auf Filmproduktion wieder.

Wer weiß, vielleicht dreht sich das Ganze irgendwann wieder. Wünschenswert wäre es – auch für Blow.

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