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The Witcher (Serie): Zielgruppen-Kluft: Die Serie muss eine enorme Aufgabe bewältigen

Von Cynthia Weißflog - News vom 06.01.2020 15:36 Uhr
© Netflix – „The Witcher“

Obwohl „The Witcher“ unter den deutschen Zuschauern als populärste Netflix-Neuerscheinung im Jahr 2019 gilt, teilt die Serie rund um Hexer Geralt von Riva sowohl Kritiker als auch Fans – die der Bücher und der Spiele. In dieser Review möchte ich meine Meinung zur Serie auf die Essenz reduzieren und erklären, warum die 1. Staffel der Geralt-Saga eine Aufgabe zu bewältigen hat, die von vielen Zuschauern weitestgehend unterschätzt wird.

Diese Review ist die persönliche Kritik eines Redakteurs und spiegelt nicht die Meinung des ganzen PlayCentral-Teams wider.

Ein gefährliches Spiel

Direkt vorab: Ich bin als Zuschauerin sowohl mit den Büchern von Andrzej Sapkowski als auch mit der vollständigen Videospielreihe von CD Projekt RED vertraut. Zwar basiert die Netflix-Serie The Witcher unmittelbar auf den Büchern und nicht auf den Spielen, allerdings muss dieser Fakt hier erwähnt werden. Denn die Show ist in einer Welt entstanden, in der die Games bereits existierten – und das ist weder eine unbedeutende Tatsache für die Produktion der Serie noch für die folgenden Zeilen in dieser Review.

Denn Showrunnerin Lauren S. Hissrich war und ist dazu angehalten, nicht nur eine erfolgreiche Buchreihe in eine Serie zu verwandeln, sondern ebenso eine riesige Fanbase zu bedienen, die in den Spielen bereits ein vollendetes Meisterwerk und eine grandiose Interpretation der Sapkowski-Saga sieht. Gleichzeitig existieren die typischen Leserwünsche, die bestenfalls ihre eigene Fantasie in visueller Form umgesetzt sehen möchten und nicht zu vergessen – die völlig unvoreingenommenen Serien-Liebhaber, die kaum eine Ahnung vom Franchise haben und sich blindlings in ein neues Fantasy-Abenteuer stürzen möchten. Dann gibt es noch die fachlichen Kritiker, die in „The Witcher“ – mitunter durchaus berechtigt – gewisse Schwächen erkennen.

Auch ich habe während der ersten Staffel einige Mängel festgestellt, die ich nicht unerwähnt lassen möchte. So sehe ich den zeitversetzten Erzählstrang für absolute Franchise-Neulinge wie viele andere als eher hürdenreichen Einstieg an, der eindeutig eine erhöhte Aufmerksamkeit durch den Zuschauer erfordert. Nur durch gelegentliche Situationen, wie beim Fallen bestimmter Namen oder bei der Darstellung verschiedener Altersetappen oder gar Gegenständen, werden die Zeitsprünge schließlich nachvollziehbar.

Einige andere Momente wirken auf mich zudem eher fragwürdig, beinahe kitschig. Das klischeehafte Aufeinanderzulaufen von zwei Charakteren, der während eines Kampfes erfolgte stürmische Kuss, der mit einer episch ausgelösten Aard-Druckwelle einhergeht, oder das etwas zu lang in Zeitlupe ausgedehnte In-den-Tod-fallen einer Serienfigur wirkten in einigen Szenerien zum Teil etwas übertrieben und fehlplatziert. Kameraführung und Kulissen besaßen nicht immer vollendete Qualität und neigten gelegentlich zu recht unkreativen, beinahe billig sowie repetitiv wirkenden Einstellungen und Requisiten. Die Liebe zum Detail war zwar durchaus vorhanden, aber nicht immer konsequent umgesetzt.

Zwischen Kritikern und Fans

Was hier so hart klingt, ist tatsächlich Zentrum zahlreicher Kritiken, in denen einige der eben genannten Fakten offenbar ausreichen, um „The Witcher“ sofort negativ zu beurteilen. Dennoch kommt die Serie bei zahlreichen Fans und beim Autor selbst ausgesprochen gut an: Woran liegt das? Nun ja, bei einer eher nüchternen Betrachtung oder im direkten Vergleich mit Buch oder Spielen fallen derartige „Mängel“ weitaus mehr ins Gewicht als aus der Sicht einiger begeisterter Franchise-Anhänger. Mit einer gewissen Fan-Motivation können die positiven Facetten der Serie nämlich mehr in den Vordergrund gestellt oder, wenn die Leidenschaft besonders groß ist, derartige Makel sogar vollständig übersehen werden. Von den guten Seiten gibt es immerhin ebenso reichlich.

Neben der hervorragenden, stimmungsvollen Musik, die sogar einen Ohrwurm hervorgebracht hat, den faszinierenden Landschaften, gut inszenierten Kostümen und zahlreichen spannenden und witzigen Momenten wird die Stimmung der Bücher exzellent umgesetzt. Nicht zuletzt durch Jaskier (Rittersporn), der auch in den Büchern stets die teils sehr düstere und bedrückende Stimmung der Geschichte auflockert. Es gab somit mehr als einen Moment, in dem ich mir sagte: Genau so hatte ich es mir beim Lesen vorgestellt! Sogar das Füllen der Lücken, die in den Büchern nicht näher erklärt oder geschildert werden, aber passiert sein müssen, wurde mehr als angemessen umsetzt.

Dennoch war mir eines die ganze Zeit über bewusst, nicht zuletzt um mein Urteil über die Serie neutral ausfallen zu lassen: Es handelt sich um zwei unterschiedliche Medien. „The Witcher“ ist eine in Serienform gepackte Realverfilmung, das andere die Buchreihe des polnischen Fantasy-Autos Andrzej Sapkowski. Die Abänderungen wurden demnach zugunsten eines serientypischeren Erzählstrangs vorgenommen – und ja, mehr oder weniger erfolgreich.

Nichtsdestotrotz sind die Bemühungen, alle Genre-Liebhaber zu befriedigen, also die der Spiele, Bücher und sowie die Seriennarren, die neu hinzugekommen sind, deutlich sichtbar. Immerhin bedient man sich bei der Netflix-Produktion einer ausgesprochen beliebten Welt – deren Erfolgspotenzial sich bereits durch die Spiele von CD Projekt RED gezeigt hat – bei der Enttäuschung, trotz aller Vorsichtsmaßnahem, leider immer vorprogrammiert ist. Wie man das vermeiden könnte? In dem man seinen Entstehungshintergrund vertseht und der Serie noch etwas Zeit gibt. 

Eine Poetin in Nöten: Die Frage der Zeit

Denn man sollte unter anderem Folgendes bedenken: „The Witcher“ bildet Lauren S. Hissrichs erstes eigenes Serienprojekt. Die Showrunnerin selbst sagt, sie hat durch die 1. Staffel derart viel dazugelernt, dass sie in der Folgestaffel schon wieder vieles anders machen, mit mehr Fokus und weitaus weniger Sprüngen arbeiten würde. Ohnehin sollte man sich vor Augen führen: Die Story ist noch gar nicht richtig ins Rollen gekommen und die Serie steht grundsätzlich noch ganz an ihren Anfängen. Immerhin ging es bisher nahezu ausschließlich um die Charaktervorstellung und das Einstimmen auf die Serie. 

Man kann und sollte sich durchaus schon eine Meinung bilden, Schwächen und Stärken wahrnehmen, sogar entscheiden: „Die Staffel hat mir gefallen“ oder „Nein, ich kann mich weder mit Inhalt noch Stil anfreunden“. Aber ich empfehle, die Serie etwas reflektierter zu betrachten und „The Witcher“ ein wenig Zeit zu geben. Nicht nur muss die Geschichte erst reifen, auch die Darsteller, insbesondere die junge Ciri-Darstellerin Freya Allen, müssen sich erst gänzlich in ihre Rolle einfinden, einfühlen, mit ihr wachsen und sich entwickeln. 

Einigen Schauspielern scheint dies (noch) nicht gelungen zu sein, immerhin sind, bis auf Henry Cavill, viele von ihnen noch als Newcomer zu bezeichnen. Das muss nichts Schlechtes bedeuten, kann aber gelegentlich dazu führen, dass eine gelungene Figurenverkörperung etwas mehr Zeit benötigt, als sie in den rund 60-minütigen Folgen der 1. Staffel gegeben war. In Zukunft sollte voraussichtlich genügend Zeit vorhanden sein, da derart viel Quellmaterial existiert, das über lange Sicht in die von Hissrich prophezeiten sieben Staffeln verarbeitet werden kann.

Eigentlich Elbennymphe der Unsterblichen Landen, die sich bei PlayCentral.de als Videospiel- und Buchliebhaberin tarnt. Löffelt beim Artikeltippen exzessiv Nussmus und führt eine Dreiecksbeziehung mit Geralt und Yennefer. Rollenspiel-Enthusiastin, die in CS:GO grundsätzlich keine Hühner tötet.
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