Das ursprüngliche „Assassin’s Creed 4: Black Flag“ habe ich nie gespielt. Das aufwendig neu entwickelte „Resynced“ sollte nun endlich meine große Bildungslücke schließen und entpuppt sich trotz bekannter Ubisoft-Formel als eines der atmosphärischsten Abenteuer der Reihe.
Als „Assassin’s Creed 4: Black Flag“ 2013 erschien, zog das Piratenabenteuer komplett an mir vorbei. Nachholen wollte ich es zwar immer wieder, doch mit jedem weiteren Jahr wirkte das Original technisch und spielerisch ein wenig altbackener. Irgendwann war die Hemmschwelle einfach zu groß.
Dann spielte ich „Assassin’s Creed Odyssey“. Besonders die Seefahrt, die eigene Crew und das Gefühl, mit dem Schiff von Insel zu Insel aufzubrechen, gefielen mir ausgesprochen gut. Immer wieder dachte ich dabei: Wenn mir schon dieser Teil von „Odyssey“ so viel Spaß macht, müsste „Black Flag“ eigentlich genau mein Spiel sein.
Mit „Assassin’s Creed Black Flag Resynced“ liefert Ubisoft nun die ideale Gelegenheit, diese Lücke zu schließen. Und nach vielen Stunden in der Karibik kann ich sagen: Meine Vermutung war richtig. Wenn euch das Piratensetting grundsätzlich anspricht und ihr die Schiffskämpfe aus „Odyssey“ mochtet, könnte diese Neuauflage genau das Abenteuer sein, auf das ihr gewartet habt.

Kein Remaster, sondern ein umfangreicher Neuaufbau
Bei „Black Flag Resynced“ handelt es sich nicht lediglich um das Original mit höherer Auflösung, schärferen Texturen und einer stabileren Bildrate. Ubisoft Singapore baute das Abenteuer mit der aktuellen Anvil-Engine in weiten Teilen neu auf.
Laut Creative Director Paul Fu ist vom ursprünglichen Programmcode vermutlich fast nichts mehr vorhanden. Parkour, Schleichen, Nahkämpfe und Seeschlachten wurden überarbeitet oder neu entwickelt. Auch zahlreiche Umgebungen und grafische Assets entstanden erneut.
Dieser Aufwand ist dem Spiel deutlich anzusehen. „Resynced“ fühlt sich nicht wie ein dreizehn Jahre alter Titel an, der mit technischen Hilfsmitteln mühsam in die Gegenwart gezogen wurde. Die Neuauflage wirkt über weite Strecken wie ein modernes „Assassin’s Creed“, das sich lediglich an einer kompakteren und stärker fokussierten Vorlage orientiert.

Das ist besonders für Spieler interessant, die wie ich nie ernsthaft in das Original eingestiegen sind. Vorkenntnisse werden nicht benötigt, und auch die Erinnerung an frühere Fassungen spielt für die Faszination der Spielwelt keine Rolle.
Vom Freibeuter zum Assassinen
Die Geschichte versetzt euch in das Jahr 1715 und damit in das goldene Zeitalter der Piraterie. Im Mittelpunkt steht Edward Kenway, ein ehrgeiziger Freibeuter, der von Reichtum, Ansehen und einem besseren Leben träumt.
Edward ist zu Beginn kein klassischer Assassine. Vielmehr stolpert er durch seine Entscheidungen in den bekannten Konflikt zwischen Assassinen und Templern. Dabei verfolgt er zunächst vor allem seine eigenen Interessen und eignet sich sogar die Identität eines getöteten Assassinen an.
Diese Ausgangslage ist angenehm erfrischend. Statt erneut einen pflichtbewussten Ordenskrieger zu verkörpern, begleitet ihr einen selbstbewussten Piraten, dessen persönliche Ziele nicht automatisch mit den Idealen der Assassinen übereinstimmen.
Auf seinem Weg trifft Edward auf historische Persönlichkeiten wie Edward „Blackbeard“ Thatch, Charles Vane, Anne Bonny, Mary Read und den zunächst als James Kidd auftretenden Charakter. Gerade diese Begegnungen tragen viel zur Stimmung bei. Blackbeard ist nicht bloß ein weiterer Questgeber, sondern eine imposante Erscheinung, die das gesamte Piratensetting glaubwürdiger und lebendiger macht.


Die eigentliche Handlung konnte mich bislang dennoch weniger begeistern als ihre Figuren und ihr Schauplatz. Der erneut aufgegriffene Konflikt zwischen Templern und Assassinen ist selbstverständlich ein wichtiger Bestandteil der Reihe, wirkt nach zahlreichen Serienteilen für mich aber inzwischen sehr vertraut.
Wirklich gerne folgte ich der Geschichte vor allem dann, wenn sie sich auf Edward, seine Crew und die bekannten Piraten konzentrierte. Sobald die üblichen Verschwörungen, Artefakte und Ordensinteressen wieder stärker in den Vordergrund rückten, ließ mein Interesse etwas nach.
Da ich die Kampagne zum Zeitpunkt dieses Textes noch nicht vollständig abgeschlossen habe, bewerte ich ihren endgültigen Ausgang allerdings bewusst nicht. Nach mehr als 30 Stunden lässt sich der grundsätzliche Aufbau dennoch gut einschätzen: Das große erzählerische Meisterwerk habe ich bislang nicht erlebt, dafür aber eine unterhaltsame Piratengeschichte mit starken Charakteren und einer fantastischen Atmosphäre.
Die Karibik als eigentlicher Hauptdarsteller
Die große Stärke von „Black Flag Resynced“ ist ohnehin nicht die übergeordnete Handlung. Es ist die Welt.
Sobald ihr mit der Jackdaw den Hafen verlasst, die Segel setzt und die Mannschaft ein Seemannslied anstimmt, entfaltet das Abenteuer eine ganz besondere Wirkung. Vor euch liegt das offene Meer, am Horizont zeichnen sich Inseln und feindliche Schiffe ab und jederzeit könnt ihr euren Kurs ändern, um einem interessanten Ziel nachzugehen.
Mal steuert ihr eine kleine tropische Insel an, mal besucht ihr größere Städte wie Havanna oder Nassau. Dazwischen entdeckt ihr Wracks, Schmugglerverstecke, Plantagen, abgelegene Buchten und zahlreiche Schätze.

Das kann sich tatsächlich ein wenig wie ein digitaler Urlaub anfühlen. Strahlend blaues Wasser, weiße Strände, Palmen und dicht bewachsene Inseln erzeugen einen angenehmen Kontrast zu den Feuergefechten und Seeschlachten. Häufig nahm ich nicht den direkten Weg zur nächsten Hauptmission, sondern ließ mich einfach von einem sichtbaren Schiff, einer unbekannten Insel oder einem Sammelobjekt ablenken.
Die offene Welt ist zwar mit den typischen Ubisoft-Aktivitäten gefüllt, wirkt aber längst nicht so überdimensioniert wie einige spätere Teile der Reihe. Viele Landflächen sind überschaubar und innerhalb kurzer Zeit erkundet. Große Teile der Karte bestehen aus Meer, das gleichzeitig als Verkehrsweg, Spielfläche und Schauplatz für Kämpfe dient.
Dadurch entsteht ein angenehmer Rhythmus: Ihr verbringt nicht ständig mehrere Minuten auf dem Pferd, nur um die nächste Markierung abzuarbeiten. Stattdessen wechseln sich Seefahrt, Erkundung, Schleichen, Kämpfe und kurze Nebenaktivitäten regelmäßig ab.
Die Jackdaw wird zu eurem zweiten Zuhause
Nach kurzer Zeit übernimmt Edward die Jackdaw. Das Schiff dient nicht nur als Transportmittel, sondern wird zum zentralen Bestandteil des gesamten Spiels.
Ihr verbessert den Rumpf, verstärkt die Kanonen, erweitert den Frachtraum und schaltet neue Waffen frei. Die dafür benötigten Materialien erbeutet ihr vor allem bei Angriffen auf andere Schiffe. Dadurch greifen Erkundung, Seeschlachten und Fortschritt sinnvoll ineinander.

Möchtet ihr eine besonders stark bewachte Region erkunden oder euch mit größeren Kriegsschiffen anlegen, müsst ihr zunächst in die Jackdaw investieren. Für diese Verbesserungen benötigt ihr wiederum Holz, Metall, Stoff und Geld. Also sucht ihr euch auf dem Meer ein passendes Ziel, untersucht es mit dem Fernglas und entscheidet anschließend, ob sich der Angriff lohnt.
Aus einer kurzen Fahrt zur nächsten Mission kann so schnell ein längerer Beutezug werden.
Die Mannschaft trägt viel dazu bei, dass sich die Jackdaw nicht wie ein lebloses Fahrzeug anfühlt. Eure Männer laufen über das Deck, bereiten die Kanonen vor und stimmen während ruhiger Fahrten Seemannslieder an. Weitere Shantys könnt ihr in den Städten und auf den Inseln sammeln.
Dieses System ist spielerisch simpel, verleiht den langen Fahrten aber enorm viel Charme. Wer die Musik nicht hören möchte, kann sie deaktivieren. Für mich gehören die Gesänge jedoch zu den Dingen, die „Black Flag“ von anderen Open-World-Spielen abheben.
Seeschlachten bleiben das große Highlight
Besonders viel Spaß hatte ich mit den Kämpfen auf dem offenen Meer. Die Jackdaw besitzt verschiedene Waffen, deren Verwendung von eurer Ausrichtung zum Ziel abhängt.
Seitlich feuert ihr mächtige Breitseiten ab. Nach vorne verschießt ihr Kettengeschosse, mit denen sich fliehende Gegner verlangsamen lassen. Feuerfässer wiederum dienen dazu, Verfolger hinter der Jackdaw zu beschädigen. Zusätzlich könnt ihr mit den Drehbassen gezielt auf freigelegte Schwachstellen feuern.

Das Kampfsystem ist schnell verstanden, entwickelt durch unterschiedliche Gegnertypen und Wetterbedingungen aber genügend Dynamik. Gegen kleinere Schiffe reichen oftmals wenige Treffer. Größere Fregatten oder Kriegsschiffe erfordern hingegen eine sinnvoll ausgebaute Jackdaw und ein besseres Gefühl für Positionierung und Reichweiten.
Vor allem die Kombination aus Kanonenfeuer, hohem Wellengang und auseinanderbrechenden Schiffen sieht beeindruckend aus. Holzsplitter fliegen durch die Luft, Segel geraten in Brand und die eigene Mannschaft kämpft darum, das Schiff einsatzfähig zu halten.
Habt ihr ein gegnerisches Schiff ausreichend beschädigt, könnt ihr es versenken oder entern. Beim Entern geht ihr längsseits, schwingt euch auf das feindliche Deck und erfüllt kleinere Ziele. Je nach Größe des Schiffes müsst ihr etwa einen Teil der Besatzung ausschalten, Offiziere töten oder die Flagge zerstören.

Anschließend entscheidet ihr, was mit dem eroberten Schiff passiert. Es kann beispielsweise zur Reparatur der Jackdaw verwendet oder eurer Flotte hinzugefügt werden. Diese Mischung aus Seegefecht und direktem Nahkampf sorgt dafür, dass die Auseinandersetzungen selbst nach vielen Stunden unterhaltsam bleiben.
Festungen sorgen für die besten Gefechte
Ein weiteres Highlight sind die über die Karte verteilten Festungen. Ihr nähert euch ihnen zunächst mit der Jackdaw und müsst die Verteidigungsanlagen vom Wasser aus zerstören.
Die Kanonen der Festung nehmen euch dabei unter Beschuss, während zusätzliche Schiffe in den Kampf eingreifen können. Gleichzeitig erschweren Felsen, hohe Wellen und begrenzte Ausweichmöglichkeiten die Annäherung.
Sind sämtliche Verteidigungsanlagen ausgeschaltet, legt ihr an und setzt den Angriff zu Fuß fort. Nun müsst ihr die verbliebenen Offiziere oder Befehlshaber innerhalb der Anlage beseitigen. Erst danach gehört die Festung euch und der entsprechende Kartenbereich wird sicherer.

Das Prinzip ist nicht besonders komplex und erinnert an die Burgen aus „Assassin’s Creed Shadows“. Dort schaltet ihr nacheinander wichtige Samurai aus, bevor ihr die entscheidende Truhe öffnen könnt. In „Black Flag Resynced“ fällt der Auftakt durch den vorgeschalteten Schiffskampf allerdings spektakulärer aus.
Gerade diese Übergänge funktionieren hervorragend: Erst liefert ihr euch vor der Küste ein Kanonenduell, kurz darauf klettert Edward über die Befestigungsmauern und jagt die verbliebenen Offiziere durch die Anlage.
Nach mehreren eroberten Festungen kennt ihr zwar den Ablauf, doch die eindrucksvolle Inszenierung und die verschiedenen Küstenabschnitte hielten meine Motivation lange aufrecht.
Eine kleine Flotte für Missionen aufbauen
Eroberte Schiffe können Teil eurer eigenen Flotte werden. Über eine strategische Übersicht schickt ihr sie anschließend auf verschiedene Handelsmissionen.
Vor dem Start einer Mission müsst ihr gelegentlich die entsprechende Route sichern. Danach wählt ihr ein Schiff aus, dessen Stärke und Ladekapazität zur Aufgabe passen. Erfolgreiche Missionen bringen Geld und weitere Belohnungen ein.
Spielerisch bleibt dieses System oberflächlich. Ihr kommandiert die Schiffe nicht selbst und erlebt ihre Reisen auch nicht unmittelbar mit. Trotzdem vermittelt die Flotte das Gefühl, dass Edwards Einfluss in der Karibik kontinuierlich wächst.
Das Ganze erinnert entfernt an die Verwaltungssysteme anderer Open-World-Spiele. Auch „Crimson Desert“ setzt beispielsweise auf kleinere strategische Elemente, die neben dem eigentlichen Abenteuer ablaufen. In „Resynced“ ist die Flotte eher eine motivierende Nebenbeschäftigung als ein vollwertiges Strategiespiel.
Typisches Assassin’s Creed bleibt typisches Assassin’s Creed
Bei aller Begeisterung für das Piratensetting sollte niemand vergessen, was unter der Augenklappe steckt: „Black Flag Resynced“ bleibt ein „Assassin’s Creed“.
Ihr erklimmt Aussichtspunkte und synchronisiert sie, um die Umgebung aufzudecken. Ihr öffnet Truhen, sammelt Seemannslieder, sucht nach Schatzkarten, jagt Tiere und erledigt kleine Aufträge. Dazu kommen Attentatsmissionen, Templerjagden, Marineaufträge und weitere Beschäftigungen.
Viele dieser Aktivitäten dauern nur wenige Minuten und lassen sich angenehm auf dem Weg zur nächsten größeren Mission erledigen. Sie folgen allerdings den bekannten Mustern der Reihe. Wer bereits nach kurzer Zeit von Kartensymbolen, Sammelgegenständen und wiederkehrenden Nebenaufgaben genervt ist, wird auch mit „Resynced“ nicht glücklich.
Nach rund 30 Stunden hatte ich einen Großteil der grundlegenden Mechaniken gesehen. Danach lebt das Spiel vor allem davon, ob euch die Seeschlachten, die Jagd nach Verbesserungen und die karibische Atmosphäre weiterhin motivieren.

Bei mir funktionierte das. Nicht jede Truhe musste geöffnet und nicht jede Insel vollständig abgearbeitet werden. Doch sobald ich wieder auf der Jackdaw stand und am Horizont ein lohnendes Ziel entdeckte, wollte ich meist noch ein wenig weiterspielen.
Die überschaubareren Landflächen erweisen sich dabei als Vorteil. Im Gegensatz zu manchem modernen Open-World-Spiel wirkt die Karte nicht wie eine endlose Liste aus Aufgaben, die mehrere hundert Stunden verschlingen möchte. Trotzdem ist genügend Inhalt vorhanden, um sich lange in der Karibik zu verlieren.

