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The Falcon and the Winter Soldier: Starke Charakterstudie mit Schwächen – Serienkritik

Von Sven Raabe - News vom 03.05.2021 10:29 Uhr
© Marvel Studios

Während die großen Blockbuster-Produktionen des Marvel Cinematic Universe derzeit noch immer eine Zwangspause im Kino einlegen, nehmen dafür die Serien an Fahrt auf. Mit The Falcon and the Winter Soldier ist mittlerweile die zweite MCU-Serie abgeschlossen und nachfolgend wollen wir uns spoilerfrei nochmal ausführlicher mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen.

Nach Endgame: The Falcon and the Winter Soldier muss das Captain America-Vakuum füllen

Am Ende von „Avengers: Endgame“ übergab ein sichtlich gealterter Steve Rogers bekanntlich seinen Schild an seinen Freund Sam Wilson. Für viele Fans war zu diesem Zeitpunkt klar: Hier sehen wir den neuen Captain America des MCU. Steves Nachfolger in spe tut sich jedoch schwer damit, die mit dieser Rolle verbundenen Verantwortung anzunehmen. Aus diesem Grund übergibt er, ein halbes Jahr nach dem Sieg über Thanos, den Schild an die US-Regierung.

Deren Vertreter fackeln anschließend nicht lange und präsentieren kurz darauf mit dem hochdekorierten US-Soldaten John Walker den neuen Captain America – sehr zu Sams und auch Buckys Missfallen. Sonderlich viel Zeit, um sich darüber aufzuregen, bleibt ihnen allerdings nicht, denn in Europa ist mit den Flag Smashers eine neue Gefahr aufgetaucht, um die sich das Duo kümmern muss.

Sam betrachtet Steves Schild / © Marvel Studios

Die vermutlich schwierigste Aufgabe, die sich den „The Falcon and the Winter Soldier“-Machern stellte, war das Füllen des Vakuums, das nach Steve Rogers Abschied entstand. Der Original-Captain America war eine Leuchtfigur im MCU, ein strahlender Optimist, der sich stets aufopferte, um andere zu retten. In diese überlebensgroßen Fußstapfen zu treten, ist ein enorm schwieriges Unterfangen, das die Verantwortlichen als Ausgangspunkt für eine starke Charakterstudie nutzen.

The Falcon and the Winter Soldier: Schwierige Themen und ein spannender Blick ins Innere

Ähnlich wie zuvor bei „WandaVision“ gibt Marvel Studios nun auch in „The Falcon and the Winter Soldier“ zwei Nebenfiguren Zeit im Rampenlicht und nutzt sie, um diese Charaktere eindringlicher zu beleuchten. Das Resultat ist, insbesondere hinsichtlich Sam, eine starke Charakterstudie. Die Macher rücken relevante wie schwierige Themen in den Fokus, im Hinblick auf Sam beispielsweise institutionellen Rassismus. Ein Thema, das aktuell in den USA hitzig diskutiert und das dem Publikum durch eine Superhelden-Perspektive verständlich nähergebracht wird.

Er muss sich die Frage stellen, was es für einen Afroamerikaner bedeutet, zum neuen Captain America zu werden. Zusätzliches Gewicht erhält dieses Thema durch die Einbindung des Charakters Isaiah Bradley, der als Symbol für ein düsteres Kapitel der US-Geschichte steht. Obwohl Sams charakterliche Entwicklung über den Verlauf der sechs Episoden vorhersehbar ist, erhält sie durch diese Dynamik und den daraus resultierenden Umgang mit der Materie ein enormes Gewicht, das letztendlich in einem befriedigenden Abschluss von Sams Handlungsstrang gipfelt.

Sam beim Training / © Marvel Studios

Getragen wird Sams glaubhafte und interessante Charakterentwicklung durch einen hervorragend aufgelegten Anthony Mackie, der gerade in den ruhigeren Momenten sein Können beweisen darf. Dabei kommen ihm natürlich auch die Freiheiten zugute, die das Serienformat mit sich bringen. Schauspielerisch ähnlich glänzen darf in „The Falcon and the Winter Soldier“ Sebastian Stan, der erneut Bucky Barnes beziehungsweise den Winter Soldier verkörpert. Er glänzt in vielen ruhigeren Momenten und hat eine glaubwürdige Chemie mit Mackie in ihren gemeinsamen Szenen.

Nun, zumindest dann, wenn beide tatsächlich zusammen unterwegs sind. Obwohl „The Falcon and the Winter Soldier“ beide Charaktere im Namen hat, spielt Bucky eher die zweite Geige. Es gibt einige wirklich tolle, emotional ergreifende Szenen zu sehen, die uns einen Einblick in Buckys Gefühlswelt geben, und in denen Stan auch absolut überzeugt. Wenn er sich seiner Schuld letztendlich stellt und Frieden mit seiner Vergangenheit schließt, wirkt es jedoch so, als hätten wir diese Reise nicht komplett mit ihm erlebt. Es wird zu wenig aus diesen tollen Momenten gemacht, weil die MCU-Serie schlicht zu viele Handlungsstränge in zu kurzer Zeit abhandeln will.

The Falcon and the Winter Soldier: Interessante Charaktere leiden unter limitierter Zeit

Da wäre natürlich der zuvor bereits erwähnte John Walker, der neue Captain America. Er ist die klare Antithese zu Steve Rogers und verkörpert all das, was dieser nie sein sollte. Walker ist ein herausragender Soldat, doch, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, kein ähnlich guter Mensch. Es werden immer wieder Einblicke in sein Innenleben gewährt, in seine Selbstzweifel, seine Angst und seinen Zorn. All das hilft dabei, ihn zu vermenschlichen, damit wir uns ihm verbunden fühlen können. Mit mehr Episoden wäre hier jedoch sicherlich noch mehr drin gewesen.

John Walker, der neue Captain America / © Marvel Studios

Walker ist darüber hinaus deshalb eine interessante Figur, da er die Verkörperung des Instruments eines Staates ist. Er steht somit insbesondere ebenfalls dafür, was seit dem Ungeschehen machen des Blips in den Augen vieler Menschen auf der Erde falsch gelaufen ist. „The Falcon and the Winter Soldier“ will Regierungsversagen und humanitäre Krisen behandeln, einen Kommentar auf reale Ereignisse liefern, allerdings fehlt auch hierfür die Zeit, um diese wichtigen Themen angemessen behandeln zu können. Es gelingt nicht immer, das Potential gänzlich zu nutzen.

Sam, Bucky und Walker gegenüber stehen die Flag Smashers, angeführt von Karli Morgenthau. Zunächst bemühen sich die Macher redlich darum, sie als charmante Antiheldin zu inszenieren, als jemanden, der aus den richtigen Gründen kämpft, jedoch mit den falschen Mitteln. Auf dem Weg zum großen Showdown mangelt es an Zeit, Karli weitere Nuancen hinzuzufügen, ihren Sturz in die Finsternis näher zu beleuchten. Die anfangs noch recht sympathische Figur wird am Ende fast nur noch als eine radikale Terroristin ohne die dringend benötigten Zwischentöne gezeichnet.

The Falcon and the Winter Soldier: Eine raue Charakterstudie mit Schwächen

Letztendlich wäre es womöglich sinnvoller gewesen, den Fokus in „The Falcon and the Winter Soldier“ gänzlich auf Sam, Bucky und Walker zu legen, um zu ergründen, wie sie, alle auf ihre eigene Art und Weise, mit ihrer Trauer und ihren Zweifeln nach Steve Rogers‘ Abgang umgehen. Es ist generell ein mehr als willkommener Schritt, dass Marvel Studios in den Serien Charaktere ausarbeiten will, die in den Filmen bisher zu kurz kamen. Allerdings werden die starken Momente, etwa ein klärendes Gespräch zwischen Sam und Bucky, in dem sie über ihre inneren Dämonen sprechen und einander wirklich zu verstehen beginnen, von zu vielen anderen Handlungssträngen begraben.

Sam und Bucky / © Marvel Studios

Dass wir der Serie einige dieser Schwächen trotzdem verzeihen können, liegt nicht nur an den toll aufgelegten Schauspieler*innen, sondern auch der für MCU-Verhältnisse rauen und düsteren Inszenierung. Den Machern gelingt es hervorragend, den von den Russo-Brüdern bekannten Stil eines „The Return of the First Avenger“ einzufangen und fortzuführen. Insbesondere die teils harte Action weiß zu gefallen und überzeugt mit guten Choreographien und einigen überraschend blutigen sowie brutalen Szenen.

Letztendlich ist „The Falcon and the Winter Soldier“ insgesamt ein sehenswerter neuer Ableger des Marvel Cinematic Universe geworden. Obwohl die Serie in ihren gerade einmal sechs Episoden mit zu vielen Handlungsstränge jonglieren will – von den MCU-Rückkehrern Zemo und Sharon Carter haben wir bisher beispielsweise noch gar nicht gesprochen – ist sie in ihren besten Momenten auch eine exzellente, berührende Charakterstudie von Sam und Bucky, die von zwei hervorragenden Darstellern getragen wird und Lust auf ihre noch kommenden Abenteuer macht.

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