PLAYCENTRAL TEST Tell Me Why

Warum Tell Me Why das erste Cringe-freie Spiel unserer Zeit ist – Kapitel 1

Von Cynthia Weißflog - Test vom 27.08.2020 18:00 Uhr
Tell Me Why Kapitel 1 Review
© Microsoft/Dontnod

Wir alle kennen wohl das äußerst unangenehme Gefühl in Filmen, Serien oder Videospielen, wenn Witze oder Verweise auf unsere heutige Zeit auftauchen und sich so derart gewollt und unnatürlich anfühlen, dass wir am liebsten die Köpfe einziehen möchten – es ist eben cringy. Um so mehr hat es mich verwundert, dass dieser Effekt bei Tell Me Why bisher vollständig ausgeblieben ist und das allein kommt beinahe schon einem Meilenstein gleich.

Was ist Cringe? Als cringy bezeichnen wir Menschen oder Situationen, bei denen sich jemand oder etwas so verhält, dass es einem Unbehagen, ein Scham- oder Peinlichkeitsgefühl bereitet. Es ist dem Fremdschämen nicht unähnlich. Das Verb cringe beschreibt im Englischen eigentlich das körperliche Verhalten für zusammenzucken oder zurückschrecken.

Doch das neue Spiel der Life is Strange-Macher von Dontnod zeichnet sich durch so vieles mehr aus und hat das erste Kapitel für mich bereits zu einem besonderen Erlebnis voller Authentizität gemacht. In dieser Review möchte ich deshalb auf die Gründe eingehen, weshalb Fremdscham, Respektlosigkeit oder Vorurteile in „Tell Me Why“ offensichtlich keinen Platz gefunden haben.

Worum geht es in Tell Me Why?

„Tell Me Why“ handelt von dem Zwillingspaar Alyson und Tyler Ronan, das sich nach zehn Jahren in seiner ländlichen Heimat Delos im kalten Alaska wiedersieht. Nach dem Tod ihrer Mutter herrschte lange kein persönlicher Kontakt zwischen den Geschwistern, ihre übernatürliche, einzigartige Verbindung zueinander ist jedoch nie abgerissen. Gemeinsam kehren sie in das Haus ihrer Kindheit zurück und erleben ihre Vergangenheit ein zweites Mal, indem sie Erinnerungen und Gedanken mithilfe ihrer telepathischen Stimme miteinander teilen und sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben.

Auf diesem Weg könnt ihr die Beziehung zwischen Tyler und Alyson mit euren Entscheidungen positiv, aber auch negativ beeinflussen. Damit ändern sich auch Dialoge, Aktionen und der gesamte Story-Verlauf. Am Ende eines jeden Kapitels könnt ihr wie gewohnt eure Entscheidungen mit anderen Spielern vergleichen, einen Multiplayer gibt es trotzdem nicht, ihr spielt Tyler und Ally im Wechsel.

1. Spam-Mails, Waffengewalt und Umweltschutz

Wer noch nicht gemerkt hat, dass der Schutz unserer Erde so wichtig und akut wie noch nie ist, dem sei gesagt: Willkommen in 2020! Typisch für Dontnod setzt sich auch „Tell Me Why“ mit derartigen zeitaktuellen Themen kritisch auseinander und bettet die Handlung in einer Welt ein, die von Überfischung, schmelzenden Gletschern oder dem Problem der Waffengewalt in den USA betroffen ist.

Solltet ihr jetzt schon mit den Augenrollen, lasst euch sagen: Das Spiel funktioniert ohne den warnenden, erhobenen Zeigefinger, hier fühlt sich nichts überspitzt und aufdringlich, sondern richtigerweise ernst genommen an. Zusammen mit nervigen Spam-Mails und dem Posteingang voller sündhafter Online-Bestellungen umreißt es einfach nur ziemlich authentisch unsere Umwelt, ohne sie zu überzeichnen.

Tell Me Why Umwelt
Schilder, Bücher oder kleine Randbemerkungen machen die Probleme dieser Welt präsent.
© Microsoft/Dontnod

2. Eine einmalige Geräuschkulisse

Nein, ihr bildet euch nicht ein, plötzlich eine überirdische Soundwahrnehmung zu besitzen, wenn ihr „Tell Me Why“ spielt. Tatsächlich ist das Story-Game akustisch unglaublich reichhaltig und zaubert Atmosphäre durch die wundervolle Musik, aber noch viel mehr durch vielzählige Geräusch-Details. Einige davon hatten schon beinahe ASMR-Potenzial und sind mir ganz besonders ins Ohr gesprungen:

  • Das Surren der Festplatte in Computern
  • Der Knacken des heißen Motors an einem Wintertag
  • Das Geräusch von aneinander reibenden Händen
  • Das stete Zirpen eines einheimischen Vogels
  • Das Streifen von Händen über Metall

Warum ich diese Geräusche noch einmal aufführe? Vielleicht geht es euch ja nicht so wie mir, aber in mir hat jeder dieser Sounds sofort eine Erinnerung wachgerufen. Mal sehr alte, mal etwas neuere, aber sie haben stets etwas in mir bewirkt. Da sich in „Tell Me Why“ so vieles um Erinnerungen, gute wie schlechte dreht, wirkte keines dieser akustischen Finessen fehlplatziert oder störend, sondern sorgt gemeinsam mit der magischen Lichtstimmung im Spiel für Atmosphäre und bittersüße Nostalgie.

Tell Me Why Kapitel 1 Erinnerung
Die Erinnerungen von Alyson und Tyler werden durch Geräusche, Orte und sogar Musik getriggert. © Microsoft/Dontnod

3. Die Sache mit der Wahrnehmung

Die Atmosphäre und die Story des Spiels haben mich immer wieder an meine eigene Kindheit zurückdenken lassen. Mehr als einmal habe ich mich dabei ertappt, wie ich meine Erlebnisse rückblickend in Frage gestellt und darüber nachgedacht habe, wie anders und fantasiereicher ich die Welt mit Kinderaugen gesehen habe.

Tylers und Allys Geschichte zeigt, wie unterschiedlich entwickelt man aus Kindertagen hervorgehen kann und wie sehr sich die Wahrnehmung von Mensch zu Mensch unterscheidet, selbst bei Zwillingen. Gleichzeitig zeigt das Game, wie wichtig es ist, Gemeinsamkeiten zu finden, sich gegenseitig den Rücken zu stärken und – im wahrsten Sinne des Wortes – gelegentlich auf die innere Stimme zu hören.

Tell Me Why Kapitel 1 Haus
© Microsoft/Dontnod

Es ist wirklich so, als würde man zwei Menschen dabei zusehen, wie sie ihre Kindheit und ihre Erlebnisse aufarbeiten und daran erinnert werden, die eigene Vergangenheit von Zeit zu Zeit mehr zu hinterfragen, ohne den Blick auf das Wesentliche zu verlieren.

4. Verantwortungsvoller Umgang mit Kultur

Aufgrund des Settings hat Entwickler Dontnod mit der Huna Heritage Foundation die Tlingit-Kultur in „Tell Me Why“ thematisiert. Von Geräuschen über Aussprache und Schreibweise der Tlingit-Sprache bis hin zu Bräuchen und Kunstwerken wurde die Kultur der indigenen Bevölkerung Nordamerikas authentisch in das Spielgeschehen integriert. In einem Blog-Beitrag gehen die Entwickler sogar näher auf die Zusammenarbeit ein.

Dieser respektvolle Umgang zieht sich durch das gesamte Spiel und zeigt sich bei den verschiedensten Themen, egal ob es sich um Alter, Herkunft, Sexualität, Bildungsstand, Berufsgruppen, Schicksale oder die Geschlechtsidentität handelt. In „Tell Me Why“ steht Mensch-sein im Mittelpunkt, mit all seinen Hürden, Umwegen und Freuden.

5. Aufklärung ohne aufklärerisch zu sein

Warum ich Tylers Geschlechtsidentität erst jetzt thematisiere? Weil ich ebenso wie Dontnot möchte, dass sein Hintergrund als Transmann nicht zu einem plumpen Akt der Inklusionsförderung wird. Nicht, weil ich das Thema verschweigen möchte, ganz im Gegenteil. Der Diskurs darüber muss und soll bestehen, um Toleranz, Akzeptanz, Gleichberechtigung und Respekt zu fördern. Tylers Identität und die, die er vertritt, soll allerdings nicht für ein Game missbraucht werden, das einfach nur modern sein und ein Stück vom LGBTQ-Kuchen abhaben möchte.

Und tatsächlich gelingt es „Tell Me Why“ viel mehr als das zu sein. Im Spiel wird Tylers Transsexualität definitiv wesentlicher Teil der Geschichte, aber nicht künstlich dramatisiert, um die Story aufzuwerten. Beispielsweise wird Tylers Geburtsname aus Respekt die ganze Spielzeit über nicht einmal namentlich genannt. Gleichzeitig wird jedoch auch nichts beschönigt, sondern Probleme und herausfordernde Lebenssituationen ehrlich dargestellt. All das in einem überaus verantwortungsvoll erdachten Rahmen und einem natürlich wirkenden Gefüge, das weiterhin den Fokus auf andere Figuren und die emotionale Story zulässt.

Hier wird offenbar die Zusammenarbeit mit der schwul-lesbischen Vereinigung gegen Diffamierung (GLAAD) deutlich, die Dontnod bei der Bearbeitung der Transgender-Thematik eingehend unterstützt hat. Mehr Informationen dazu könnt ihr in diesem Beitrag nachlesen:

Tell Me WhyTell Me Why: Entwickler äußern sich zu dem Transgender-Helden in ihrem Spiel

So unvollkommen wie wir alle

Obwohl mich Kapitel 1 von „Tell Me Why“ bisher wirklich überzeugt hat und meine Freude, die nächsten beiden Chapter zu spielen, sehr, sehr groß ist, möchte ich einige Dinge ansprechen, die auf der Negativ-Seite zu erwähnen sind und nicht gerade mit Innovation glänzen.

So ist mir trotz Freude über den cringe-freien Inhalt des Spiels die etwas kantige und klotzige Fortbewegung der Charaktere aufgefallen. Nicht selten standen sich die Geschwister dabei etwas weniger intelligent im Weg und auch die Mimik war nicht so detailliert, wie man es sich bei einem grafisch sonst so hochwertig und realistisch anmutenden Spiel wünscht. Und das obwohl gleichzeitig auf Details wie das Erröten der Haut wertgelegt wurde.

The Me Why Kapitel 1 Tyler
Auf Feinheiten wie das Erröten der Haut wurde dennoch geachtet. © Microsoft/Dontnod

Und während sich Dialoge und Story so natürlich anfühlten, wirkt die Spielwelt dagegen etwas künstlich begrenzt. Sobald man das Zielgebiet nur ansatzweise verlassen möchte, vollziehen Tyler und Ally eine unnatürliche Wendung, um ja nicht weiter als gewünscht zu erkunden. Schade, dabei lädt alles dazu ein, eine Runde durch Delos zu spazieren.

Das 1. Kapitel zu „Tell Me Why“ ist am heutigen 27. August 2020 für PC und Xbox One erschienen. Das interaktive Story-Adventure ist außerdem Teil des Xbox Game Pass. Die Release-Termine aller Kapitel könnt ihr unserer Themenseite zum Spiel entnehmen.

Informationen zum Testmuster: Der Code für Tell Me Why inklusive aller drei Kapitel wurde uns von Publisher Microsoft zum Testen zur Verfügung gestellt. Wir haben bis dato jedoch nur das 1. Chapter gespielt, um unsere Ersteindruck-Review so authentisch und spoilerfrei wie möglich zu halten. Außerdem wurden wir darauf verwiesen, keinerlei Spoiler in unsere Review einzubauen. Aus diesem Grund fällt das Embargo-Ende auch mit Release des ersten Kapitels am 27. August 2020 zusammen. Es war uns jedoch erlaubt hervorzustellen, dass der Stereotyp Transgender wird durch ein Trauma verursacht keine erwiesene Grundlage besitzt und in Tell Me Why keine Rolle spielt. Für weitere Informationen verweisen die Entwickler auf das FAQ zum Spiel.

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