Sonys Rückzug aus Physint hat Hideo Kojima nach eigenen Angaben völlig unvorbereitet getroffen. In einem ausführlichen Interview mit IGN schildert der Entwickler erstmals, wie er vom Ende der Finanzierung erfuhr, warum er um die Zukunft von Kojima Productions bangte und wie Xbox schließlich als neuer Partner einstieg.
Dabei wird deutlich: Für Kojima stand weit mehr als ein einzelnes Spiel auf dem Spiel. Seine größte Sorge galt den rund 200 Beschäftigten seines unabhängigen Studios.
Sony verkündete den Ausstieg in einem Zoom-Gespräch
Nach Kojimas Darstellung bat Sony Interactive Entertainment im Juni um eine Videokonferenz. Gemeinsam mit Studiopräsident Shinji Hirano und Aki Saito nahm er an dem Gespräch teil. Dort habe Sony mitgeteilt, die Entwicklung von Physint nicht länger finanzieren zu können.
Kojima sei davon ausgegangen, dass sein neues Action-Spionagespiel trotz der schwierigen Branchenlage abgesichert sei. Entsprechend groß fiel die Überraschung aus. Statt über Ärger oder Enttäuschung nachzudenken, habe ihn sofort die Frage beschäftigt, wie es mit seinem Unternehmen weitergehen solle.
Kojima Productions finanziere sich über einzelne Projektverträge, erklärte er. Die Personalplanung sei auf die beiden Spiele OD und Physint ausgelegt gewesen. Durch den Wegfall eines Auftrags fürchtete Kojima mögliche Entlassungen und Liquiditätsprobleme. Auch bestehende Bankkredite hätten ihm Sorgen bereitet.
Physint wurde mit einem kleineren Team weiterentwickelt
Zunächst behielt die Studioführung die Nachricht für sich, um eine Lösung zu finden. Drei Tage später informierte Kojima die Verantwortlichen des Physint-Teams und kündigte an, einen neuen Partner zu suchen.
Ein Teil der Belegschaft wechselte vorübergehend zu OD. Die Arbeit an Physint wurde laut Kojima jedoch nicht vollständig unterbrochen. Ein kleineres Team arbeitete weiter an den entscheidenden Grundlagen und bereitete Material für die Präsentation bei möglichen Geldgebern vor.
Seine Befürchtung, Mitarbeiter könnten das Studio verlassen, habe sich nicht bestätigt. Stattdessen sei das Team motiviert geblieben. Kojima wollte zudem vermeiden, bereits beteiligten Schauspielern und Künstlern erneut das Ende eines Projekts mitteilen zu müssen. Dabei verwies er ausdrücklich auf seine Erfahrungen mit P.T.
Warum Xbox als neuer Partner überzeugte
Bei der Suche dachte Kojima über klassische Spielepublisher hinaus. Er zog auch Filmstudios und Streamingunternehmen in Betracht. Sein Ansatz: Physint sollte als neue Marke präsentiert werden, die sich perspektivisch auf Filme, Serien, Anime, Comics und Musik ausweiten lässt.
Entscheidend war allerdings nicht allein das Geld. Das Studio benötigte auch Unterstützung bei Technik, Marketing und Spieltests. Xbox habe diese Möglichkeiten geboten. Durch die Zusammenarbeit an OD bestand außerdem bereits eine Verbindung.
Nach Kojimas Darstellung überzeugte seine Präsentation die Verantwortlichen. Er sieht bei Xbox eine ähnliche Vorstellung davon, wie sich eine neue Marke über ein einzelnes Spiel hinaus entwickeln kann. Konkrete weitere Physint-Produktionen sind damit allerdings noch nicht angekündigt.
Eine PlayStation-Version bleibt offen
Ob Physint trotz des Partnerwechsels auf PlayStation erscheint, konnte Kojima im Interview nicht beantworten. Die Entscheidung liege bei Xbox. Er verwies auf Microsofts bisherige Aussagen, möglichst viele Spieler erreichen zu wollen, legte sich aber auf keine Plattformstrategie fest.
Auch technisch befindet sich das Projekt noch in einer experimentellen Phase. Kojima arbeitet unter anderem an Spielsystemen, Gegner-KI, Geschichte und Besetzung. Eine endgültige Entscheidung über die Engine sei noch nicht gefallen.
Kojima betont: Kein Streit mit Sony
Trotz der einschneidenden Entscheidung beschreibt Kojima das Verhältnis zu Sony nicht als zerstritten. Nach rund 30 Jahren Zusammenarbeit hätte er sich allerdings gewünscht, früher über den bevorstehenden Rückzug informiert zu werden. Eine konkrete Begründung habe er nach eigener Aussage nicht erhalten.
Das Interview entstand vor einem Bloomberg-Bericht über angebliche Termin- und Budgetprobleme sowie Bedenken zur wirtschaftlichen Entwicklung von Death Stranding. In einer nachgereichten Stellungnahme rief Kojima Productions dazu auf, diese Darstellung skeptisch zu betrachten.
Das Studio betonte zugleich, wirtschaftlich gesund und profitabel zu sein. Die Entwicklung von Physint werde mit Xbox fortgesetzt, und die Beziehung zu PlayStation sei weiterhin stark.
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