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Lootboxen: Warum ein EU-Verbot keine Lösung ist

Von Dustin Martin - News vom 22.11.2017 14:45 Uhr

Lootboxen sollen verboten werden, fordert der belgische Justizminister. Auch Frankreich, Großbritannien, China und die USA prüfen den Glücksspiel-Gehalt der Lootcrates. Doch hilft ein Verbot überhaupt? Ein aktuelles Beispiel lässt zweifeln – und zeigt, dass Aufklärung besser als ein Verbot wirkt.

Diese Kolumne untersucht Lootboxen in Spielen und zeigt die aktuelle Situation in Ländern dieser Welt auf.

Keon Geens hat eine brillante Feststellung gemacht: Wenn wir in einem Spiel Wundertüten öffnen können, ohne zu wissen, was sich darin befindet, handelt es sich um Glücksspiel. Denn das Glück entscheidet schließlich, wortwörtlich spielerisch, was wir für unser bezahltes Geld erhalten. Kritisch sei das vor allem, da Kinder Zugang zu diesem System haben.

Da hat der belgische Justizminister sogar Recht: Lootboxen und Jugendschutz sind ein schwieriges Thema und das obwohl Wundertüten in Kiosken und Spielzeuggeschäften seit Jahrzehnten verkauft werden. Virtuell sieht das aber ganz anders aus, sagt Geens, denn es sei viel einfacher und irgendwie sind Videospiele ja auch neu und für einen konservativen Politiker vielleicht auch ein gefundenes Fressen.

Vielleicht. Denn Lootboxen in Videospielen sind ein Problem, das sich die Branche selbst geschaffen hat. Es gibt klare Gewinner, seit Jahren macht beispielsweise Valve mit den Lootcrates in Counter-Strike: Global Offensive Millionenbeträge. Verlierer, wie das kürzlich erschienene Star Wars: Battlefront 2, haben da deutlich das Nachsehen. Doch woran liegt das?

Wichtig ist, wie Lootboxen eingesetzt werden, nicht ob

Einerseits sind Lootboxen an sich keine Neuerung. Es ist nicht neu im Videospiel und schon gar nicht im realen Konsumleben. Der Knackpunkt liegt viel mehr darin, wie die Lootboxen eingesetzt werden. Valve verpackt in ihren „Waffenkisten“ und „Stickerkapseln“ nur kosmetische Inhalte, die teils für mehrere Hundert Euro gehandelt werden. EA versteckt in den Lootboxen aber virtuelle Bonus-Gegenstände, die das Gameplay beeinflussen.

Egal, wie Lootboxen eingesetzt werden, Koen Geens will sie nun verbieten. Nach seiner Erkenntnis, die in den Medien als Durchbruch oder gar als Revolution verkauft wird, sei ein Verbot die absolute Lösung. Keine Lootboxen mehr im Spiel, keine Probleme mehr. Für alle, nicht nur für die Kinder.

China macht es mit einem Verbot vor – und scheitert

Worüber Belgien zurzeit diskutiert, ist in China schon lange entschieden. Hier existiert ein Verbot. Wirkung zeigt es aber nicht. Das bizarrste Beispiel kommt vom auch im westlichen Markt beliebten Overwatch. In dem Shooter von Blizzard Entertainment können wir für Geld Lootboxen kaufen. Laut den neuen Gesetzen in China ist das aber verboten. Was machte der Entwickler also? Er bietet für gleiches Geld In-Game-Währung an und legt die Lootboxen als Geschenk obendrauf. Laut chinesischem Glücksspiel-Gesetz ist das erlaubt, denn die Lootboxen gab es ja gratis.

Dass sich ähnliche Szenarien auch in Belgien abspielen könnten, ist nicht unwahrscheinlich. Zumal der Justizminister Koen Geens sie nicht nur national verbieten will, sondern gleich in der gesamten Europäischen Union. Das ist besonders interessant, da andere Behörden zu einem anderen Ergebnis gekommen sind.

Lootboxen weltweit: Was Großbritannien, Frankreich und USA sagen

In Großbritannien werden Lootboxen oder sogar Wetten nicht als Glücksspiel angesehen, wenn die Gewinne spielgebunden bleiben. Die Briten gehen einen anderen Weg und sagen, das europäische Alterseinstufungssystem PEGI muss insoweit geändert werden, dass Spiele mit einem exzessiven Lootbox-System nicht für Kinder freigegeben werden dürfen.

Auch in den USA herrscht eine ähnliche Meinung. Der US-Staat Hawaii sieht vor allem die Kinder gefährdet und will den Verkauf von Star Wars: Battlefront 2 sogar verbieten. Das System ziele darauf ab, dass weitere Käufe notwendig seien, um das Spiel in seiner Gänze zu spielen. Lootboxen seien kein Glücksspiel, sagte aber die US-amerikanische ESRB.

Der französische Abgeordnete Jérôme Durain will der belgischen Verbotsidee auch nicht zustimmen. „Die Nutzung von Lootboxen, die ein Spiel um kosmetische Zusätze erweitern, scheint in der Bevölkerung akzeptiert zu sein. Die Entwicklung zu einem Pay-To-Win-System ist jedoch strittiger, wie Star Wars: Battlefront 2 zeigt“, stellt er fest. Sein Ziel ist es, die Lootboxen transparenter zu gestalten.

Es war keine Glücksspielbehörde, die EA bedrängte

Was in Behördensprache aber nicht erklärt werden kann: Die beste Lösung gegen Lootboxen sind die Spieler selbst. Sie entscheiden, ob ein System Erfolg hat oder nicht. Zu dieser Erkenntnis ist übrigens auch Gaming-Vorreiterland Südkorea genommen. Es war keine Glücksspiel-Behörde, die EA zum Aussetzen der In-Game-Verkäufe drängte, sondern die eigenen Spieler. Denn für Free-to-play-Spiele sind sie ein gelungenes Finanzierungssystem – in einem Vollpreisspiel ein lästiges Feature.

Bevor wir die Forderung von Koen Green nach einem Verbot also lauthals bejahen, sollten wir uns fragen: Wohin führt das? Und wird das die Entwickler wirklich davon abhalten, weiterhin Lootboxen in einem 60€-Spiel einzubauen? Während Gesetze manchmal Monate, meist Jahre brauchen, kann sie ein Patch in Sekundenschnelle umgehen. Es braucht andere Wege als Verbote und Einschränkungen.

Star Wars Battlefront 2Star Wars: Battlefront 2: EA verkündet Änderungen an den Lootboxen

Wieso Belgien gegen Blizzard und EA Ermittlungen einleitete, lest ihr in unserer News.

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