Bevor sich Rockstar Games fast vollständig auf „Grand Theft Auto“ und „Red Dead Redemption“ konzentrierte, war der Publisher für ein deutlich breiteres Spieleangebot bekannt. Neben „Bully“ und „Manhunt“ gehörte dazu die Arcade-Rennspielreihe „Midnight Club“.
Nach „Midnight Club: Los Angeles“ aus dem Jahr 2008 verschwand die Marke allerdings weitgehend von der Bildfläche. Lediglich die Complete Edition und Umsetzungen für weitere Plattformen folgten noch. Dass Rockstar zwischenzeitlich tatsächlich an „Midnight Club 5“ arbeitete, bestätigt nun der ehemalige Senior Designer Kris Roberts.
Im Gespräch mit Insider Gaming erklärte Roberts, dass bei Rockstar San Diego bereits erste Arbeiten an einem neuen Teil begonnen hatten. Das Projekt kam jedoch nie über eine frühe Entwicklungsphase hinaus.
Midnight Club 5 sollte möglicherweise in London spielen
Als Roberts Rockstar Games im Jahr 2010 verließ, arbeitete ein Kernteam in San Diego seinen Angaben zufolge weiterhin an der Rennspielserie. Zu diesem Zeitpunkt sollen bereits Prototypen verschiedener Städte entstanden sein.
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Besonders an eine Stadt kann sich der Entwickler erinnern: London. Für die britische Hauptstadt seien bereits erste Karten und andere Bestandteile entwickelt worden. Ob London tatsächlich als endgültiger Schauplatz vorgesehen war oder lediglich als Testumgebung diente, geht aus Roberts’ Aussagen allerdings nicht eindeutig hervor.
Auch der Name „Midnight Club 5“ war offenbar noch nicht endgültig beschlossen. Roberts verwendet die Bezeichnung lediglich für das damals begonnene Nachfolgeprojekt.
Die Entwicklung währte ohnehin nicht lange. Rockstar stellte das Projekt ein, bevor es offiziell angekündigt wurde oder die vollständige Produktion erreichen konnte.
Konflikt zwischen Rockstar San Diego und New York
Für die Einstellung nennt Roberts nicht nur einen einzelnen Grund. Eine wichtige Rolle soll ein erheblicher Konflikt zwischen dem Entwicklerteam bei Rockstar San Diego und der Unternehmensführung in New York gespielt haben.
Bereits während der Entwicklung von „Midnight Club: Los Angeles“ habe das Studio mehrere Termine nicht einhalten können. Ein Teil der Kritik aus der Firmenzentrale sei daher durchaus berechtigt gewesen, räumt Roberts ein.
Verzögerungen konnten gerade zur damaligen Zeit schwerwiegende finanzielle Konsequenzen haben. Spiele wurden noch überwiegend auf Datenträgern verkauft und mussten zu festgelegten Terminen produziert, ausgeliefert und in den Handel gebracht werden. Ein verpasstes Veröffentlichungsfenster ließ sich daher weniger flexibel auffangen als heute.
Neben Terminproblemen soll es jedoch auch grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über die kreative Kontrolle gegeben haben. Das Team in San Diego habe das Gefühl gehabt, innerhalb von Rockstar nicht die Anerkennung zu erhalten, die seine Arbeit verdient hätte.
„Ihr seid nicht GTA“
„Midnight Club“ konnte zwar nie die Verkaufszahlen von „Grand Theft Auto“ erreichen, trat nach Einschätzung des Teams aber erfolgreich gegen große Rennspielmarken wie „Need for Speed“ und „Burnout“ an.
Interne Daten sollen sogar gezeigt haben, dass Spieler mit „Midnight Club“ teilweise mehr Zeit verbrachten als mit den konkurrierenden Reihen. Auf die Wahrnehmung durch die Rockstar-Führung hatte das laut Roberts jedoch kaum Einfluss.
Die Haltung aus New York beschreibt er sinngemäß mit den Worten: „Ihr seid nicht GTA.“
Das „Midnight Club“-Team habe sich deshalb wie ein zweitrangiges Projekt innerhalb des Unternehmens gefühlt. Obwohl die Entwickler ihrer Ansicht nach Spiele auf internationalem Spitzenniveau produzierten, hätten sie weniger Anerkennung und Unterstützung erhalten.
Die Einstellung von „Midnight Club 5“ lässt sich somit offenbar nicht allein auf verpasste Termine zurückführen. Auch die wachsende Konzentration Rockstars auf seine größten und wirtschaftlich erfolgreichsten Marken dürfte eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Das Team wurde anschließend aufgelöst
Nach dem Ende des Projekts wurde das zuständige Entwicklerteam laut Roberts auseinandergerissen. Einige Mitarbeiter wechselten zur Arbeit an Rockstars hauseigener RAGE-Engine, andere unterstützten die Entwicklung von „Red Dead Redemption“.
Ein weiterer Teil der Beschäftigten soll das Unternehmen vollständig verlassen haben beziehungsweise entlassen worden sein.
Für Roberts war spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, dass Rockstar nicht nur einen einzelnen „Midnight Club“-Teil auf Eis gelegt hatte. Vielmehr deutete alles darauf hin, dass die komplette Rennspielreihe innerhalb des Unternehmens keine Zukunft mehr besaß.
Diese Einschätzung sollte sich bestätigen. Seit „Midnight Club: Los Angeles“ erschien kein neuer Teil, kein Remake und auch kein Remaster. In den folgenden Jahren konzentrierte Rockstar seine Ressourcen zunehmend auf „GTA 5“, „GTA Online“, „Red Dead Redemption 2“ und schließlich „GTA 6“.
Kehrt Midnight Club irgendwann zurück?
Vollständig vergessen ist die Marke innerhalb des Unternehmens offenbar nicht. Take-Two erwähnte „Midnight Club“ 2022 gemeinsam mit anderen bekannten Serien des Publishers in einer Präsentation für Investoren.
Eine solche Erwähnung ist jedoch keine Ankündigung eines neuen Spiels. Seitdem gab es keine belastbaren Hinweise auf eine Neuauflage oder Fortsetzung. Auch Rockstar Games hat sich zu den aktuellen Aussagen von Kris Roberts bislang nicht öffentlich geäußert.
Die Enthüllung zeigt trotzdem, dass „Midnight Club 5“ mehr als nur ein Wunsch der Fans war. Rockstar San Diego hatte zumindest mit ersten Arbeiten begonnen und mögliche Schauplätze erprobt. Wie umfangreich der London-Prototyp tatsächlich ausfiel, bleibt allerdings offen.
Gerade angesichts der langen Entwicklungszeiten und enormen Produktionskosten aktueller Rockstar-Spiele erscheint eine baldige Rückkehr unwahrscheinlich. Solange das Unternehmen seine größten Teams für „Grand Theft Auto“ und „Red Dead Redemption“ benötigt, dürfte ein neues „Midnight Club“ nur schwer die notwendige Priorität erhalten.
Würdet ihr euch ein neues Midnight Club von Rockstar wünschen oder gibt es inzwischen genügend Alternativen für Fans von Arcade-Rennspielen?






