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Landwirtschafts-Simulator 22: Mit Schnapszahl zum neuen Serienprimus – TEST

Von Benjamin Braun - Test vom 22.11.2021 10:15 Uhr
LWS 22
© Giant Software

Im Genre der Berufssimulationen gibt es kaum etwas, das es nicht gibt. Ob nun Feuer mit dem Löschzug bekämpft, ganze Skigebiete gemanagt oder Fahrgäste mit Bus oder Straßenbahn sicher ans Ziel gebracht werden, da ist für jeden etwas dabei. Eine Berufssim aber sticht deutlich heraus; der Landwirtschafts-Simulator. Keine andere klassische Berufssimulation erreicht so hohe Verkaufszahlen wie die 2008 gestartete Serie des Schweizer Entwicklers Giants Software.

Der 2018 veröffentlichte „Landwirtschafts-Simulator 19“ verkaufte sich allein in den ersten zehn Tagen weltweit eine Million Mal. Von der großen Zielgruppe hätten andere gerne einen Teil abgegriffen, aber bislang scheiterte jeder Konkurrenzversuch, sogar Techlands ambitioniertes „Pure Farming“ (2018). Mit dem Landwirtschafts-Simulator 22 (fortan nur noch „LS22“) erscheint nun, erstmals mit einem Abstand von drei Jahren zum vorherigen Teil, der Nachfolger für PC und Konsolen. Weshalb uns die neuen Features gut gefallen, der „LS22“ sich jedoch vorwiegend aus anderen Gründen an die Serienspitze setzt, erfahrt ihr im Folgenden.

Auf Wunsch komplexer, immer vielfältiger

Mit dem „LS22“ ändert sich zunächst einmal nichts an der Grundphilosophie der Reihe. Im Zentrum steht eindeutig der Spaß daran, mit schwerem Gerät die Acker zu bestellen, zu bepflanzen, zu pflegen und schließlich abzuernten. Der schon im letzten Teil gigantische Fuhrpark inklusive etlicher weiterer landwirtschaftlicher Geräte wächst noch einmal an.

Neu kommen im Zusammenspiel mit neuen Fruchtsorten wie Trauben auch entsprechende Erntemaschinen. Natürlich alles offiziell von praktisch allen namhaften Herstellern wie Fendt, John Deere, Claas und so weiter lizenziert, authentisch nachgebildet und mit noch etwas detaillierteren Animationen oder den nun bei Regen aktiven Scheibenwischern noch einmal im Realitätsgrad gesteigert.

Landwirtschafts-Simulator 22
© Giant Software

Fließende Tag-Nacht-Wechsel gab es auch vorher bereits, nun gibt es aber auch Jahreszeiten. Auf zwei der drei von Beginn an verfügbaren Karten fällt also im Winter Schnee – auf der Südfrankreich nachempfundenen Map Haut-Beyleron kann er ebenfalls fallen, bleibt aufgrund des sehr milden Klimas aber nicht liegen. Die Jahreszeiten sorgen jedoch nicht nur für ein Atmosphäre-Plus, zumal die Umgebung auch im Frühjahr, Sommer und Herbst einen authentischen Look auf den Bildschirm zaubern.

Standardmäßig wirken sich die Wettersaisons auch spielmechanisch aus. Bestimmte Feldfrüchte können also nur in bestimmten Monaten angepflanzt respektive geerntet werden. Das ist allerdings rein optional und kann in den Einstellungen deaktiviert werden – Schnee oder herbstlich-goldenes Laub gibt es dann nur noch als visuelles Extra.

Landwirtschafts-Simulator 22
© Giant Software

Und auch sonst könnt ihr wie gehabt beinahe alles an eure eigenen Vorstellungen anpassen. Das Wirtschaftssystem soll es euch etwas schwieriger oder besonders leichtmachen? Das Kalken der Felder soll sich merklich auf den Ernteertrag auswirken? Unkrautwachstum an oder aus? Ihr entscheidet, was aktiv ist und was nicht. So und nicht anders muss das in einem LS sein. Puristen können den Realismusgrad und damit den Anspruch erhöhen. Wer, wie der Autor dieser Zeilen, am liebsten besonders entspannt spielt, bringt die Schalter einfach in die Stellung, die für das gewünschte Spielerlebnis am besten passt.

Kleine Kettenreaktion

Aber auch abseits dessen könnt ihr den „LS22“ spielen, wie ihr möchtet. Klar gilt es bestimmte Dinge zu beachten, ganz besonders, wenn ihr auf einem eurer eigenen Felder die Fruchtsorte wechseln möchtet. Die für die einzelnen Schritte wie Aussaat, Düngung oder Ernte notwendigen Geräte könnt ihr entweder kaufen, aber auch sehr kostengünstig ausleihen. Wer sich etwas auskennt,  weiß auch, was man alles dafür benötigt. Allzu transparent ist der „LS22“ dabei aber nicht, was es Einsteigern, ähnlich wie bei den teils unnötig stark verschachtelten Menüs, schwieriger macht, sich ohne große Hürden einzugewöhnen.

Landwirtschafts-Simulator 22
© Giant Software

Ganz besonders gilt das für Spieler der Konsolenversionen. Denn die Grundfunktionen lassen sich zwar auch mit dem Gamepad gut bedienen. Spätestens aber im Baumodus haben PC-Spieler*innen es per Point-and-Click erheblich leichter. Und selbst das Kaufen von Feldern könnte beim direkten Einstieg in den Karrieremodus Neulingen Kopfzerbrechen bereiten. Das funktioniert genauso wie im direkten Vorgänger, der genau diese an sich simple Funktion umständlicher machte als es in den vorherigen Teilen der Fall war. Etwas reinfuchsen muss man sich als Serieneinsteiger*in also definitiv, und bei manchem auch mal online im Wiki nachschlagen. Allerdings muss man zu Beginn auch nicht alles wissen und kann auch viel Spaß haben, wenn man gar nicht alle Funktionen nutzt.

Zu diesen „Funktionen“ zählt bereits der Aufbau einer eigenen Farm, der Kauf von Maschinen beziehungsweise der Zukauf von Feldern – nur wenn ihr auch Viehzucht oder Holzwirtschaft betreiben wollt, kommt ihr nicht um diesen Schritt herum. Denn wer will, kann auch einfach die Lohnarbeitsverträge bewältigen, also Aufträge auf den Feldern anderer Landwirte erfüllen und sich dafür sämtliche benötigten Gerätschaften für einen kleinen Geldbetrag einfach mieten.

Landwirtschafts-Simulator 22
© Giant Software

Gleiches gilt für die gänzlich neuen Produktionsketten. Im Rahmen dessen könnt ihr verschiedene Produktionsstätten auf den Karten erwerben, etwa eine Käserei, die aus Kuhmilch (womöglich besonders stinkigen) Käse, aber auch Butter herstellt. Diese weiterverarbeiteten Produkte wiederum können etwa von einem Bäckereibetrieb mitsamt anderer wie Eiern, Mehl und Zucker zu Kuchen verarbeitet werden. Das gibt entsprechend noch mehr Spieltiefe, damit beschäftigen müsst ihr euch allerdings nicht, wenn ihr keine Lust darauf habt. Für Intensivspieler*innen sind die Produktionsketten aber eindeutig einen Mehrwert, denn neben den ganz simplen, etwa der Verarbeitung von Trauben zu Saft für den Supermarkt, muss man auf die komplexesten davon schon einige Spielstunden hinarbeiten.

Next-Gen-würdig mit Abstrichen

Für uns sind die spielmechanischen Neuerungen im „LS22“ zwar definitiv eine Bereicherung, aber tatsächlich nicht der primäre Grund, der die Reihe bei Beibehaltung der Grundtugenden auf ein neues Level hebt. Vielmehr ist dies den in vielen Bereichen erheblichen audiovisuellen Verbesserungen geschuldet. Konnte man in den Vorgängern lediglich durch eine dunklere Farbgebung der Ackerfläche ansehen, dass wir diese gerade mit Nassdünger bearbeitet haben, sieht der Boden im „LS22“ nun wirklich feucht aus. Wirkte das von einem Pflug aufgewühlte Erdreich noch relativ künstlich aus, streichen die Bodenmassen nun ziemlich ansehnlich über die Streichbleche. Ein Mähdrescher, der Weizen oder Ähnliches aberntet, wirft hinten detailliert Kornreste aus und verstreut diese auf dem Feld.

Landwirtschafts-Simulator 22
© Giant Software

All das und noch viele weitere neue und verbesserte Effekte, etwa auch Steine, die ihr mit den neuen Stonepickern vom Acker entfernt, damit andere Gerätschaften dadurch nicht unnötig Schaden nehmen, gibt es auch in der von uns gespielten PS5-Version. Dank der deutlich höheren Grundauflösung wirkt auf den Next-Gen-Konsolen zudem alles deutlich schärfer. Kleinere Abstriche muss man im Vergleich zur PC-Version, die wir auf einem wahrscheinlich besonders leistungsstarken PC bei Giants Software spielen konnten, aber machen.

So erhöht sich zwar allgemein auch die Weitsicht drastisch. Gebäude oder auch Baumkronen in weiter Entfernung versinken also nicht mehr im Nebel wie früher. Allerdings ist die Objektsichtweite in anderen Fällen stärker eingeschränkt, was ausgerechnet für den Bewuchs auf den Feldern gilt. Maispflanzen und Co. werden also bereits deutlich niedrigerer Entfernung ausgeblendet als etwa das mittelalterlich anmutende Dorf in Haut-Beyleron oder Bäume.

Landwirtschafts-Simulator 22
© Giant Software

Bei größeren Ackerflächen kommt es entsprechend ständig vor, dass sie von einer Ecke aus betrachtet nicht vollständig bewachsen erscheinen, obwohl sie es tatsächlich sind. Wirklich gestört hat es uns aufgrund der anderen Vorzüge allerdings nicht, dass beim Fahren diese und einzelne andere Details nach und nach ins Bild poppen, wenn wir uns darauf zubewegen.

Anders gesagt: der „LS22“ sieht erheblich besser und insgesamt Next-Gen-würdig aus. Wir können und wollen zudem nicht ausschließen, dass das beschriebene Phänomen bei der Objektsichtweite oder auch der gelegentliche Schluckauf beim Streaming beim Fahren durch die Spielwelt durch Updates noch entfernt oder wenigstens abgemildert werden könnte. Fakt ist: den „LS19“ auf PS4 und den „LS22“ auf der PS5 trennen visuell Welten zugunsten des neuen Teils.  Wie die Last-Gen-Versionen des „LS22“ aussehen und performen, konnten wir zum Testzeitpunkt indes nicht überprüfen.

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