PlayNation Test Syberia 3

Syberia 3 - Packendes Adventure und technische Vollkatastrophe zugleich

Von Julia Rother - Test vom 01.05.2017 - 11:00 Uhr
Syberia 3 Screenshot

Trotzdem klingt das bisher Geschilderte doch prinzipiell sehr solide, warum also hat Syberia 3 unsere tapfere Redakteurin an den Rand des Wahnsinns getrieben? Ganz einfach: Die Umsetzung des Konzepts ist das Problem, nicht der Inhalt an sich. Und wo sollen wir da nur anfangen?

Die Synchronisation

Ausnahmsweise ist die deutsche Vertonung tatsächlich angenehmer als die englische Alternative, dafür hapert es aber an der Umsetzung: Die Lippensynchronisation ist in der deutschen Sprachausgabe ein Totalausfall. Ton und Bild stimmen nicht annähernd überein und das Ganze wirkt dadurch absolut unprofessionell. Schlimmer noch: Immer wieder verschlucken die Charaktere im Gespräch ganze Wörter oder brechen mitten im Satz ab, sodass wir dem Inhalt oft nur über die Untertitel folgen können. Diese wiederum scheinen auch etwas buggy zu sein, unterscheiden sie sich doch immer mal wieder deutlich von dem Gesagten oder wechseln gar die Sprache. Apropos Sprache: Wer auch immer für die Übersetzung der Trophäen verantwortlich war, sollte sich definitiv nochmal mit den Grundregeln der deutschen Sprache, besonders aber der Groß- und Kleinschreibung, auseinandersetzen, denn kaum eines der zu erreichenden Achievements ist derzeit korrekt geschrieben.

Die Steuerung

Während man über die Vertonung noch hinwegsehen könnte, sollte sonst alles passen, ist die Steuerung eine solche Katastrophe, dass wir sie beinahe als Körperverletzung beschreiben möchten. Auch in der PC-Version wird ein Controller empfohlen, der allerdings zum derzeitigen Zeitpunkt noch keine große Erleichterung verschafft. Mit Maus und Tastatur steuert sich die gute Kate, die wir aus der Third-Person-Perspektive heraus beobachten, aber tatsächlich noch schlimmer.

Zum Einen reagiert die Steuerung zeitverzögert. Die Maus bewegt sich nur schwerfällig und die Protagonistin hat bewegungstechnisch ihren eigenen Kopf. Die Zeitverzögerung ist besonders nett, wenn die Szene wechselt, wir also beispielsweise eine Treppe hochlaufen. Ähnlich wie in Heavy Rain müssten wir nun in die andere Richtung steuern, da die Tastatur aber nicht sofort reagiert, läuft Kate einfach weiter... und damit zurück in die alte Kulisse. Das Spiel wiederholt sich dann auch gerne noch ein paar Mal, bis wir in kleinen Staccato-Schritten auf den Bildschirmrand zutapsen, um endlich weiterspielen zu können.

Oft ist es nötig, die Maus an den Bildschirmrand zu bewegen, damit Kates Blickwinkel sich verändert. Den Blick in Phasen der Ahnungslosigkeit schweifen zu lassen, lohnt sich also. Die Idee ist zwar nett, aufgrund der behäbigen Steuerung aber anstrengend. Besonders nervenaufreibend ist diese bei manchen Rätseln, bei denen wir schnell und präzise handeln müssen, was die Maus aber nicht zulässt. Da kommt es dann schon mal vor, dass wir dem Entwickler bei einem gewissen Eisbrecher-Rätsel wünschen, dass er fortan jeden Tag auf einen besonders fiesen Legostein treten möge...

Intuitive Interaktion statt schnödem Point & Click-Prinzip

Auch anstrengend: Objekte sind nicht jederzeit anklickbar, selbst wenn wir uns in der Nähe befinden. Mal sind wir zu nah dran, mal zu weit weg und müssen dann in Millimeterarbeit den richtigen Abstand finden, damit wir endlich handeln können. Findet die Interaktion mit den Gegenständen dann endlich statt, ist sie wiederum sehr positiv zu bewerten, denn wir interagieren nicht schlicht per Mausklick. Stattdessen müssen wir beispielsweise an Schubladen tatsächlich ziehen, beim Durchsuchen von Kartons erst andere Gegenstände zur Seite schieben und an Kurbeln drehen. Dies verschafft uns nicht nur ein realistischeres Spielgefühl, sondern ist auch eine angenehme Alternative zum oft vertretenden Point & Click-Prinzip. Die intuitive Interaktion mit Objekten ist also definitiv ein Pluspunkt, der aber die bestehenden Probleme nicht wettzumachen vermag.

Bugs, Bugs und noch mehr Bugs

Als wären unsere Nerven nicht schon genug strapaziert, bekommen wir es auch noch mit jeder Menge Bugs zu tun. Da kann Kate auf einmal keine Treppen mehr steigen, weswegen wir nicht mehr voran kommen und das Spiel neu starten müssen oder sie hängt an scheinbar unüberwindbaren Grasbüscheln oder Steinen fest. Damit nicht genug: Der Bildschirm friert immer mal wieder kurz nach einer Interaktion ein und in Cutscenes wimmelt es von abgeschnittenen Köpfen und merkwürdigen Kameraeinstellungen, die so einfach nicht gewollt sein können. Mehrere User berichten zudem von Problemen, das Spiel überhaupt starten oder den gespeicherten Spielstand laden zu können. Kombiniert das mit dem einen oder anderen Ladebildschirm des Todes, ab und an auftretenden Soundfehlern und einem generell offenbar wenig erprobten Gameplay und es ist verständlich, dass Syberia 3 von vielen Spieleredaktionen praktisch in der Luft zerfetzt wurde.

Hin und her gerissen zwischen den Bedürfnis, das Spiel weiterzuspielen, weil es eigentlich wirklich Spaß macht und wir unbedingt wissen wollen, wie es endet und dem Drang, den geliebten Laptop laut schreiend an die Wand zu pfeffern, ist nach 20 Stunden und dem x-ten Freeze dann auch unsere Geduld am Ende: Wir brechen ab und sehen uns die restlichen Szenen bei tapferen Let's Playern auf YouTube an, die das Spiel tatsächlich beenden konnten und so dafür sorgen, dass auch wir die liebgewonnenen Charaktere bis zum Schluss begleiten können. 

Verschüttetes Potenzial mit hohem Preis

Story und Charaktere haben zwar theoretisch ein absolutes Erfolgspotenzial, können aber gegen die Steuerung aus der Hölle nicht bestehen. Je weiter das Spiel voran schreitet, desto schlimmer wird es und man muss sich wirklich fragen, ob Syberia 3 vor Release überhaupt auch nur einmal ernsthaft geprüft wurde. Zum derzeitigen Zeitpunkt ist das Spiel so wirklich unspielbar und seine 40 Euro nicht wert.

Microids hat sich bereits zu der Kritik geäußert und arbeitet an einer Verbesserung des Spiels. Der erste Patch erschien bereits, die meisten der von uns bemängelten Probleme bestehen aber derzeit noch. Wir werden die Entwicklung im Auge behalten und geben euch Bescheid, sobald wir ein Licht am verbuggten Horizont sehen.

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