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Games - Computerspielpreis? Nicht mit uns!

Von Christian Liebert - Kolumne vom 16.05.2014 - 17:33 Uhr
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Der Deutsche Computerspielpreis hat ein Problem: Er wird heißer gegessen, als er gekocht wird. Während sich Industrie, Presse und Politik über die Verleihrichtlinien streiten, geht die ganze Scharade an einer wichtigen Fraktion größtenteils vorbei: Dem Spieler selbst. Dabei müsste das nicht so sein, wenn man ein wenig ehrlich zu sich selbst wäre. Der Eklat rund um den Rücktritt von Heiko Klinge und Andre Peschke aus der Jury ist ein Mahnmal, dass der Preis hinten und vorne noch in den Kinderschuhen steckt. Während öffentlich über das Für und Wider von Preisverleihungen für gewaltverherrlichende Spiele diskutiert wird, schalten die Gamer längst weg, denn dieses Thema ist ihnen mittlerweile einfach zu doof.

Deutscher Computerspielpreis? Nicht mit uns!

München, 15. Mai 2014 – zum sechsten Mal seit 2009 wird er verliehen: Der Deutsche Computerspielpreis. In verschiedenen Kategorien wählen 35 Vertreter aus Industrie, Politik und Presse die besten Spiele aus deutscher Produktion und ganz Deutschland berichtet über dieses Event. Groß war die Diskussion über die neu eingeführte Kategorie „Jurypreis“ und dem damit verbundenen Ausstieg von Heiko Klinge und Andre Peschke (beide aus den Reihen der IDG), ebenso groß auch die Angst, dass Crysis 3 dieses Jahr erneut als Bestes Spiel abräumen und sich der Skandal des Vorgängers, der diese Auszeichnung bereits 2012 kassierte, wiederholen würde. Gespannt wartete jeder die Wahl der Gewinner ab. Wirklich jeder? Nein, nicht jeder. Genau eine Partei lässt dieser Zirkus völlig kalt und dabei handelt es sich leider um die wahrscheinlich wichtigste Zielgruppe überhaupt: Die Gamer. In Spielerkreisen ist der Deutsche Computerspielpreis in etwa so populär wie ein Glas Sauerkrautsaft. Obwohl diese Auszeichnung für die Branche im eigenen Land zum höchsten der Gefühle zählt, können die letztendlichen Konsumenten der Spiele damit nichts anfangen. Die Frage aller Fragen ist natürlich, warum das so ist und dies ist ganz leicht beantwortet.

Der Deutsche Computerspielpreis wird von Industrie und Politik getragen und gerade zweiter im Bunde hat sich eben in der Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Seit Urzeiten hetzen Politiker gegen gewaltverherrlichende und süchtig machende Videospiele. Es gleicht einer Hexenjagd. Ist die Stimmung in Sachen Familienpolitik gerade wieder mau, will Hinz und Kunz plötzlich seine schützende Hand vor die lieben Kinderlein halten und die bösen Killerspiele endlich zum Teufel jagen. Keine Angst, jetzt folgt keine lange Abhandlung über die Stumpfsinnigkeit der öffentlichen Hetzkampagnen gegen Spiele für Erwachsene. Aber gerade in dieser Bezeichnung, also Spiele für Erwachsene, liegt des Pudels Kern. Das Problem beim Computerspielpreis ist nämlich, dass die Politik am liebsten nur kinderfreundliche Games zulassen würde, denn das sieht nach außen einfach besser aus. Man kann sich ja nicht offen gegen Killerspiele äußern und dann so einen schlimmen Finger auch noch gewinnen lassen. Zu schade nur, dass die großen Fische hierzulande eben nicht immer im Kinderbecken schwimmen. Dieses Debakel hatten wir nämlich bereits 2012 mit Crysis 2, das verdient den Titel „Bestes Deutsches Spiel“ abräumte, und Wolfgang Börnsen, damals Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kultur und Medien, dies scharf kommentierte: „Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion distanziert sich von der Entscheidung der unabhängigen Jury, in der Kategorie 'Bestes Deutsches Spiel' ein sogenanntes Ballerspiel zu nominieren. Wir halten diese Nominierung für unvertretbar.“.

Oho, ist ein Spiel, das sich inhaltlich an eine ältere Zielgruppe wendet, nicht für so einen Preis bestimmt? Und genau an diesem Punkt hat man die Spieler schon verloren. Die haben nämlich mittlerweile die Nase voll davon, dass sie in ihrem Hobby mit Drogensüchtigen oder Gewaltverbrechern gleichgesetzt werden. Da schalten sie lieber ab und dadurch verkommt dieser eigentlich gute Preis zu einem Akt der Irrelevanz ohne wirklich großes Interesse bei den Zockern. Natürlich kann man nun sagen, dass Gamer gar nicht die Zielgruppe sein müssen, da man ja die Entwickler dahinter belohnt und nicht die Leute, die am Ende nur auf die Knöpfe drücken. Schlussendlich ist es aber auch ein schlechter Witz, Spiele mit etwas auszuzeichnen, dass eigentlich gar keine Bedeutung hat.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es aber doch in diesem Jahr, zumindest mit Alexander Dobrindt, dem neuen Schirmherrn dieser Scharade, der wohl gesonnen und voller Elan ein deutlich anderes Bild abgab, als sein Vorgänger Bernd Neumann, der mit diesen Ballerspielen auch nie so wirklich etwas zu tun haben wollte. Wer nun aber dachte, dass wir endlich im 21. Jahrhundert angekommen sind und alle Spiele anhand ihrer Qualitäten und nicht ihres Genres bewerten werden, irrt leider. Ein neues Hintertürchen wurde eingebaut, um sich unliebsamer Nominierungen zu entledigen und einem erneuten Desaster wie 2012 vorzubeugen - Crysis 3 wurde nämlich wieder nominiert. Nun ist es so, dass dank einer neuen Regelung drei Vetosprüche ausreichten, um eine Ehrung zu verhindern. Wenn also 32 Jurymitglieder dafür stimmen, aber drei absolute Ablehnungen herrschen, dann wird besagtes Spiel den Preis nicht gewinnen – ungeachtet seiner Qualitäten. Um betroffenen Titel aber dennoch etwas zu verleihen, wurde der Jurypreis eingeführt. Was das bedeutet? Richtig, sollte im Falle eines Falles wieder so ein Ballermann den Spitzenreiter machen, kann sich die Politik aus der Affäre ziehen und einfach dagegen stimmen. Damit wäre man aus dem Schneider, denn der Jurypreis, besser gesagt dessen Honorar, wird nur von der Industrie getragen. Das ging Heiko Klinge und Andre Peschke von der IDG gegen den Strich. Die beiden erfahrenen Redakteure sahen darin das alte Problem in neuen Schuhen und legten ihr Amt als Juroren nieder.

Auch in den Reihen der Gamer sorgte dieser Umstand nicht gerade für gute Laune. Ganz im Gegenteil, immer mehr haben die Spieler keine Lust mehr auf den Deutschen Computerspielpreis. Das ganze Gezicke zwischen Industrie und Politik ist ihnen ganz einfach zu doof. Und sie haben recht! Auch aus meiner Sicht ist diese Veranstaltung nichts weiter als ein müder Zirkus. Anstatt einfach das zu tun, wofür der Preis gedacht ist, nämlich tolle Spiele auszuzeichnen, wird dieses Event zu einem politischen Akt der Rechtfertigung. Wenn man schon Games auszeichnet, dann muss man eben auch die unliebsamen Vertreter beachten, ansonsten ist das Ganze nämlich nichts weiter als mit zweierlei Maß zu messen. Dass nun aber jedes Jahr aufs Neue die Debatte um Killerspiele mit in den Preis getragen wird, hat zur Folge, dass das wahre Interesse an der Verleihung den Bach heruntergeht. So hat man die Spieler erfolgreich vergrault und übrig bleibt nur der zerstörte Traum von einem Ruck in der Gesellschaft am richtigen Ende.

Es ist nicht nur mein Wunsch, sondern der von Millionen Spielern in Deutschland, dass dieses wunderbare Medium, dass eigentlich schon seit den späten 90ern als die modernste und beste aller Erzählformen angesehen wird, sich endlich Kunst nennen darf und in die Reihen der Kultur eingegliedert wird. Videospiele waren nie nur ein Medium für Kinder und sie sollten in der Politik auch nicht so behandelt werden. Am Ende wäre das ein wirklich guter Beitrag für das positive Miteinander. Aber ich bin ehrlich, das wird wohl erst dann passieren, wenn die alten Eisen in der Politik an die jüngere Generation abgeben und endlich auch Leute auf den wichtigen Stühlen sitzen, die selbst schon mal Freunde in Azeroth gefunden, ein Schloss in Minecraft gebaut, oder den Endboss in Wolfenstein hingerichtet haben. Bis dahin führen wir diesen ärgerlichen Dialog, auf den schon längst niemand mehr Bock hat, wohl immer wieder.

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